Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Kwok Pui Lan

Jüdisch-christlicher Dialog in der nicht-westlichen Welt 

Dr. Kwok Pui Lan ist Professorin für christliche Theologie und Spiritualität an der Episcopal Divinity School in Cambridge/MA. Sie hat ihr Doktorat an der Harvard Universität erworben und Ehrendoktorate von der Theologischen Universität in Kampen/Niederlande und der Uppsala-Universität erhalten. Sie ist Autorin und Herausgeberin zahlreicher Bücher, die vor allem der postkolonialen und asiatischen feministischen Theologie gewidmet sind. Sie hält Gastvorlesungen in den USA, Asien und Europa. Bei der Jahreskonferenz 2012 des Internationalen Rats der Christen und Juden in Manchester hat sie über den jüdisch-christlichen Dialog in der nicht-westlichen Welt referiert. Wir publizieren hiermit ihr Referat von Manchester mit ihrer Erlaubnis in deutscher Übersetzung.

 

In Kaifeng, China, einer an einer Seitenroute der Seidenstraße liegenden Stadt, lebte seit etwa dem 9. Jahrhundert eine kleine jüdische Gemeinde. Die Gründer waren auf dem Land- oder Seeweg aus Persien und Indien gekommen. Und die Gemeinschaft übernahm chinesische Bräuche und die chinesische Sprache, nahm chinesische Familiennamen an und assimilierte sich der chinesischen Kultur.[i] Im Gegensatz zu dieser jüdischen Gemeinde stehen die Juden von Cochin im südwestlichen Teil von Indien, welche ihre jüdischen Bräuche bewahrt und ihre eigene Identität beibehalten haben. Sie standen in einem freundschaftlichen Verhältnis zu ihren hinduistischen und muslimischen Nachbarn und dies bis zur Ankunft der Portugiesen, welche sie verfolgten.[ii] Neben den Juden von Kaifeng und Cochin beteiligte sich die jüdische Gemeinschaft an den Handelsnetzen der Seidenstraße, welche über viele Jahrhunderte die Mittelmeerregion mit China verbanden.[iii]


Wenn wir den jüdisch-christlichen Dialog und die jüdisch-christliche Beziehung heute diskutieren, haben wir selten die Wechselbeziehungen der jüdischen Gemeinden mit der Kirche des Ostens und mit den Christen in Asien oder in anderen nicht-westlichen Gesellschaften vor Augen. Der Kontext für einen solchen Dialog ist vor allem Europa oder Nordamerika, weil Juden und Christen dort eine gemeinsame Geschichte teilen und in Nähe zueinander leben. Sowohl in der europäischen wie auch in der amerikanischen Geschichte hat die jüdische Gemeinschaft Aussonderung, Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren. Die Tragödie der Schoa (Holocaust) während der NS-Zeit war das Ergebnis einer langen Geschichte von Antijudaismus und Antisemitismus im Westen. Christen gaben den Juden die Schuld am Tod Jesu, und viele glaubten, dass die Kirche Israel als das neue Volk Gottes, das neue Bundesvolk ersetzte.


Können wir – die wir heute in einer vernetzten und globalisierten Welt leben – etwas vom jüdisch-christlichen Dialog in der nicht-westlichen Welt lernen? Da die christliche Demographie sich verschoben hat und die Mehrheit der Christen in den Ländern des Südens lebt, ist es ist zwingend erforderlich, dass wir unsere Gespräche erweitern, um diejenigen, die außerhalb des nordatlantischen Bereichs leben, einzubeziehen. Solche Gespräche helfen uns, den Multikulturalismus und die soziale Verantwortung durch die globale Optik zu diskutieren.


Jüdisch-christliche Dialoge haben in den Ländern des Südens seit einigen Jahrzehnten stattgefunden. Jüdisch-christliche Dialoge wurden 1992 in Hongkong und 1993 in Cochin organisiert. Die letzte Konferenz galt der Erfahrung des Lebens als Minderheit, den Bedeutungen der Bilder von Gott und vom Volk Gottes und der Haltung gegenüber religiöser Vielfalt.[iv] Die erste afrikanische christlich-jüdische Konsultation fand 1986 in Nairobi, Kenia, statt und diskutierte die alte Weisheit jüdischer und afrikanischer Traditionen und die Schöpfung in afrikanischer Religion und in der Bibel. Die zweite Konsultation wurde 1995 in Johannesburg, Südafrika, zum Thema „Familie, Gemeinschaft und Tradition“ gehalten. Es war eine der ersten internationalen Konferenzen, die in Südafrika nach dem Zusammenbruch der Apartheid stattfanden. Die dritte Konsultation war 2011 im französisch-sprachigen Yaoundé, Kamerun, und beschäftigte sich mit drei Anliegen von Juden und Afrikanern: „Schalom und Ubantu“ „Erinnerung und Erfahrung von Gewalt“ und „Herausforderungen der Friedensstiftung“.[v] Panamerikanische Konferenzen über die katholisch jüdischen Beziehungen wurden über die Jahre abgehalten. Im Jahr 2006 fand ein sehr bedeutendes theologisches Symposium in Argentinien statt, um „Holocaust-Schoa: Seine/ihre Auswirkungen auf die christliche Theologie und das Leben in Argentinien und Lateinamerika“ zu diskutieren.

 

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[i] Zur Geschichte der Juden in China vgl. Roman Malek (Hg.), From Kaifeng ... to Shanghai. Jews in China. Eine gemeinsame Publikation des China-Zentrums und des Instituts Monumenta Serica, Sankt Augustin (Monumenta Serica Monograph Series XLVI), Nettetal 2000.

[ii] Siehe Nathan Katz, The Judaisms of Kaifeng and Cochin: Parallel and Divergent Styles of Religious Acculturation, in: Numen 42 (1995) 118-140.

[iii] Richard C. Foltz, Religions of the Silk Road. Overland Trade and Cultural Exchange from Antiquity to the Fifteenth Century, New York 1999, 101f.

[iv] Hans Ucko (Hg.), People of God, Peoples of God. A Jewish-Christian Conversation in Asia, Genf 1996.

[v] Jean Halpérin/Hans Ucko (Hg.), Worlds of Memory and Wisdom. Encounters of Jews and African Christians, Genf 2005.

 

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