Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Dokumentation

Judentum, Israel, Christentum

Ein unveröffentlichtes Manuskript von Gerhard Kittel (1888-1948) 

Ein Student der Augustana-Hochschule in Neuendettelsau, Michael Rummel, hat in dem Nachlass von Prof. Dr. Gerhard Friedrich (1908-1986), der der Hochschule von Landesbischof Dr. Johannes Friedrich übergeben wurde, ein Manuskript gefunden mit dem Titel: „Judentum, Israel, Christentum“. Das Manuskript stammt „Von Gerhard Kittel, Tübingen“. Das Original umfasst 22 maschinenschriftliche Seiten und ist im Faksimile hier zugänglich.

 

Soweit mir bekannt, ist dieses Manuskript bisher nicht veröffentlicht worden und offenbar auch der recht umfangreichen Forschung zu Gerhard Kittel nicht bekannt.

Es taucht auch nicht in der Bibliographie Kittels auf, die G. Friedrich 1949 in der Theologischen Literaturzeitung kurz nach dem Tod Kittels publiziert hat.[i] Da Friedrich, der ein Schüler von Kittel und dessen Nachfolger in der Herausgabe des Theologischen Wörterbuchs zum Neuen Testament war, selbst im Besitz dieses Manuskripts gewesen ist, ist zu vermuten, dass er es seinerseits zu den unpublizierten Arbeiten Kittels gerechnet und darum in seiner Kittel-Bibliographie nicht erwähnt hat. Dass er es wegen seines problematischen Inhalts nicht aufgeführt hat, schließe ich aus; denn das Literaturverzeichnis enthält auch andere Publikationen Kittels, mit denen sich das jetzt gefundene Manuskript zum Teil eng berührt oder überschneidet.

Ein Datum wird im Manuskript nicht genannt, doch lässt sich aus ihm selbst das Jahr 1944 als früheste Möglichkeit für seine Abfassung sichern. Denn Kittel zitiert (gleich in der ersten Anmerkung) eine Veröffentlichung des nationalsozialistischen Rassentheoretikers Eugen Fischer, die 1944 in den „Forschungen zur Judenfrage“ (Band vii.), in welcher Reihe Kittel selbst mehrere Aufsätze veröffentlicht hatte, erschienen ist. Es ist übrigens kein Zufall, dass Kittel mit Verweis auf diesen Aufsatz von Fischer seine inhaltliche Argumentation beginnt. Denn Fischers Aufsatz enthält eine für Kittels eigene Ausführungen wichtige „rassekundliche Analyse ägyptisch(er) Mumienporträts .., auf Grund deren er (Fischer) eine grössere Anzahl solcher Portraits (sic) als ‚sicher jüdisch‘ … fixiert“ habe (S. 1 des ms). Kittel ist, wie man dann später erfährt, offenbar davon überzeugt, dass „der Geist eines beginnenden und sich beständig vertiefenden Pharisäismus und Talmudismus auf seine Weise Menschen und Gesichter … prägen kann“ (S. 19 des ms). Und es ist genau dieser Zusammenhang von Geist (der für Kittel allerdings Ungeist ist) und biologischem Körper der Juden, mit dem sich Kittel hier beschäftigt. Kittel erwähnt darüber hinaus zwei weitere eigene Arbeiten aus dem Jahr 1944 (S. 7, Anm. 40 des ms). Als terminus a quo für die Entstehung dieses Manuskripts kommt mithin das Jahr 1944 infrage. Als terminus ad quem liegt Kittels Verhaftung (am 3. Mai 1945 in Tübingen) nahe; denn in deren Folge war der Tübinger Theologieprofessor zunächst in zwei Gefängnissen, dann im Balinger Interniertenlager inhaftiert.[ii] Das Manuskript sollte mithin im Zeitraum von etwa Mitte 1944 bis Anfang 1945 entstanden sein. Es scheint Teil eines umfassenderen Publikationsprojektes zu sein, dessen Gegenstand Ausführungen zu den drei Stichworten des Titels (Judentum, Israel, Christentum) sein sollten. Das ergibt sich m.E. aus der Überschrift über die vorliegenden Ausführungen; sie lautet: „Erster Teil.“ Ich deute dies so: Im aufgefundenen Manuskript haben wir den ersten Teil des geplanten Buchprojektes vor uns, d.h. Kittels Ausführungen zum Stichwort „Judentum“. Ob es Ausführungen zu den beiden weiteren Stichworten (Israel, Christentum) gab/gibt, ist nicht bekannt.

Inhaltlich lassen sich die Ausführungen jener letzten Phase des Kittelschen Antisemitismus zuordnen, in der nicht mehr der „religiöse“ Aspekt im Zentrum steht, wie zumal noch in seinem Vortrag von 1933: „Die Judenfrage“:

Es genügt also nicht, diesen Kampf (sc. gegen das Judentum) allein mit rassischen und stimmungsmäßigen Gesichtspunkten zu begründen. Die wirkliche und volle Antwort ist dort gegeben, wo es gelingt, die Judenfrage religiös zu sehen.[iii]

Vielmehr steht der aufgefundene Text im Zusammenhang jener Studien Kittels, die er als Mitglied (seit 1936) von Walter Franks Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands verfasst hat. Wie in den schon bekannten publizierten Arbeiten Kittels, die in den Forschungen zur Judenfrage (eine Reihe, die von dem Reichsinstitut herausgegeben wurde) veröffentlicht worden sind,[iv] ist seine antisemitische Argumentation auch in dem aufgefundenen Manuskript durch die Verbindung eines religiösen bzw. kulturellen mit einem biologischen Rassendiskurs geprägt. Schon aus dem einleitenden Absatz des Manuskripts ist dies zu ersehen:

Erst von daher werden auch die die differenzierten Erscheinungsformen etwa verbindenden Kontinuitäten richtig gesehen, richtig abgegrenzt, in ihrer Bedeutung richtig eingeordnet werden und wird ebenso die rassenbiologische wie die historische wie auch die theologische Sicht des Judentums ihre richtigen Einsatzpunkte gewinnen (S. 1; Hervorhebungen von w.s.).

Auch und gerade aus diesem unpublizierten Manuskript geht m.E. hervor, dass Kittel nach 1933 in einem zunehmenden Maße seine vormalige „Diffamierung“ des Judentums (wie Martin Buber in seiner Reaktion auf den genannten Vortrag 1933 formuliert hat) durch die Verbindung eines religiösen bzw. kulturellen mit einem biologischen Rassendiskurs noch weiter zugespitzt hatte. Der bekannte amerikanische Archäologe und Orientalist W.F. Albright hatte schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs Kittels Verhalten im nationalsozialistischen Deutschland scharf kritisiert:

Angesichts der unglaublichen Bösartigkeit seiner Angriffe gegen das Judentum und gegen die Juden, die sich zum mindesten bis 1943 fortsetzten, muß Gerhard Kittel die Schuld tragen, mehr als vielleicht jeder andere christliche Theologe an dem Massenmord von Millionen Juden durch die Nazis mitgewirkt zu haben. Eine „apologia pro vita sua“, die er Anfang 1946 schrieb, … zeichnet ein höchst erstaunliches Bild eines kranken Gewissens (252 A7).[v]

„Mitgewirkt“ (im englischen Original: „having contributed … to the mass murder of Jews“)[vi] heißt hier, dass Kittel durch seine wissenschaftliche Arbeit v.a. dann als Mitglied des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, einen ideologischen Beitrag zur Entrechtung, Verfolgung und Ermordung der Juden geleistet hat. L. Siegele-Wenschkewitz, der das Verdienst zukommt, Kittels wissenschaftliche Produktion und seine Rolle im nationalsozialistischen Deutschland überhaupt erst zu einem wissenschaftlichen Thema gemacht zu haben, hat in einem Brief an Ericksen ihr Interesse an der Erforschung der judenfeindlichen Äußerungen Kittels so umschrieben:

Ich sehe, daß das, was Kittel nach 1933 in der Judenfrage als christlicher Theologe glaubte vertreten zu können, im Ansatz auch heute noch ungebrochen in der exegetischen, überhaupt theologischen Wissenschaft vertreten werden kann, und ich wollte, indem ich Kittel so plausibel vorstellte, den heutigen Zeitgenossen einen Spiegel vor die Augen halten, der sie erkennen läßt: genauso sind wir selbst, genau das denken wir selbst. .. Kittel ist viel mehr typisch und Repräsentant seines Faches, vielleicht überhaupt der protestantischen Theologen seiner Zeit, als man heute, wenn man ihn zum Außenseiter und Sündenbock macht, denken möchte.[vii]

Sie hat sich wohl (vor inzwischen etwa 30 Jahren) nicht vorstellen können, dass es inzwischen gerade auch für die bei Kittel seit 1936 dominierende Verbindung von kulturellen, theologischen und rassebiologischen Antisemitismus-Diskursen die Notwendigkeit geben könnte, sie den „heutigen Zeitgenossen“ als „Spiegel vor die Augen zu halten“. Dies gilt leider auch für Christinnen und Christen und theologische Fachleute – weltweit. Man gewinnt immer mehr den Eindruck, dass die Verbindung von rassischen, kulturellen und religiösen Diskursen über „die“ Juden zunehmend einen größeren Raum einnimmt, auch in christlichen Kontexten. Freilich hat sich auch insofern etwas verändert, als sich das Hassobjekt auch verschoben hat. Neben oder auch anstelle der Jüdinnen und Juden oder „des“ Judentums ist immer mehr der jüdische Staat getreten. Israel. Wenn es um den „Spiegel-Effekt“ geht, der für die gesamte Arbeit von L. Siegele-Wenschkewitz, die auch Mitherausgeberin dieser Zeitschrift war, leitend war, so muss man nur die Ausführungen zum „Zionismus“ lesen, die Kittel in seinem Vortrag „Die Judenfrage“ schon 1933 vorgetragen.[viii] Es finden sich dort, noch vor der Entstehung des Staates Israel, viele jener Argumente, die in der Gegenwart gerade auch von christlicher Seite gegen den existierenden jüdischen Staat vorgetragen werden.


Wolfgang Stegemann



[i] ThLZ 74 (1949) 171-175.

[ii] S. dazu nur L. Siegele-Wenschkewitz, Neutestamentliche Wissenschaft vor der Judenfrage. Gerhard Kittels theologische Arbeit im Wandel deutscher Geschichte, München 1980, 50.

[iii] G. Kittel, Die Judenfrage, Stuttgart1933/34 (das Heft ist in drei Auflagen erschienen), S. 8 (Hervorhebung von W.S.).

[iv] Einen knappen Überblick über die Arbeiten Kittels für das Reichsinstitut gibt R.P. Ericksen, Zur Auseinandersetzung mit und um Gerhard Kittels Antisemitismus, in: Evangelisch Theologie 43 (1983) 250-270; bes. 256-262.

[v] Die deutsche Übersetzung entnehme ich dem Aufsatz von Ericksen, a.a.O. 252, Anm. 7.

[vi] W.F. Albright, The War in Europe and the Future of Biblical Studies, in: Harold W. Willoughby, the Study of the Bible today and tomorrow, Chicago 1947, S. 165.

[vii] Zitiert nach Ericksen, a.a.O. 251.

[viii] Kittel, a.a.O., 14-18.

 

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