Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2012-2: Editorial

Mit einer Rezension des neuesten Buches von Daniel Boyarin (Berkeley) von Peter Schäfer (Princeton) beginnt dieses Heft furios. Boyarin behauptet u.a., dass das Konzept der Gottessohnschaft Jesu, ja selbst der Trinität auf jüdische Traditionen zurückgeht. Schäfer, der sich einmal mehr als herausragender Kenner der antiken jüdischen Quellen erweist, nimmt der damit verbundenen Herausforderung an die christliche Theologie einerseits einiges von ihrem vermeintlich sensationellen Charakter. Andererseits ist speziell seine kritische Dekonstruktion von Boyarins Interpretation von Daniel 7, auf die er seine These stützt, exegetisch differenziert wie auch theologisch spannend. Schäfer, so lässt sich aus diesem Beitrag lernen, teilt das Grundanliegen Boyarins, das dieser schon in mehreren Büchern vertreten hat, trotz aller Kritik: Wir müssen uns in Bezug auf Judentum und Christentum in den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung von „der dogmatischen Fixierung auf zwei festgefügte Religionen fernhalten“.

 

Mit dem Beitrag von Kwok Pui-Lan (Cambridge/ma) greifen wir ein Thema auf, das eher stiefmütterlich behandelt worden ist: der jüdisch-christlicher Dialog in der nicht westlichen Welt, dem Bereich der Erde, den man den „globalen Süden“ nennt. Der Artikel verweist zumal auf Beispiele aus Afrika und China. In diesen Kontexten spielt vor allem ein befreiungstheologischer und postkolonialistischer Ansatz eine wichtige Rolle; entsprechend wurde etwa durch Rückgriff auf die Unterdrückungs- und Befreiungserfahrungen des Volkes Israel die Beziehung zur jüdische Tradition für die religiösen bzw. theologischen Reaktionen auf eigene ähnliche Erfahrungen in der Gegenwart fruchtbar gemacht. Der Artikel macht darüber hinaus auf das Konzept von „mehreren“ oder „alternativen Modernitäten“ aufmerksam, das die bisherige Identifizierung von Moderne und westlicher Welt überwindet und „neue Anreize für die Menschen im globalen Süden (bietet), von den jüdischen Gemeinden zu lernen und den Dialog mit ihnen zu führen.“

 

Die aus der Schweiz stammende, jetzt in Wales lehrende Neutestamentlerin Kathy Ehrensperger stellt in ihrem Artikel einen in der englisch-sprachigen Wissenschaft aktuellen Diskurs vor, der das griechische Wort genos (Geschlecht, Volk) bewusst mit dem englischen Äquivalent race (Rasse) wiedergibt. Diese Übersetzung wird sowohl auf das Neue Testament als auch auf Texte des frühen Christentums angewendet. Die Autorin vertritt in einem knappen Überblick über die entsprechende Literatur grundsätzlich die These, dass der moderne „Rasse“(race )-Begriff nicht auf die Antike angewendet werden kann. Sie kann auch zeigen, dass die Heranziehung von Adolf von Harnacks Standardwerk (Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, 1924) zur Begründung des „Rasse“-Diskurses für Paulus bzw. das frühe Christentum unangemessen ist. In ihren Analysen der relevanten Textstellen aus den Paulusbriefen kommt sie zu dem Ergebnis, dass Paulus den Begriff genos ausschließlich auf sein eigenes jüdisches Volk anwendet, allerdings der genealogische Aspekt des Wortes nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Autorin stellt sich die Frage, was die „Einführung des Konzeptes Rasse/race in die Paulus-Interpretation“ motiviert haben könnte und gibt eine vorläufige Antwort.

 

Mit dem Beitrag von David Rosen (Jerusalem) gibt unser Heft Einblick in die jüdisch-christliche Beziehung im Nahost-Kontext. Das Verhältnis zwischen Juden und Christen in Israel befindet sich in einer Phase des Umbruchs. Beide Seiten verbleiben nicht mehr nur in den eigenen sprachlichen, kulturellen und religiösen Milieus. Die Kirchen des Nahen Ostens beginnen, das Faktum einer Hebräisch sprechenden Ortskirche in Israel wahrzunehmen. Die israelische Öffentlichkeit ist für das Christentum und dessen Präsenz im eigenen Land offener geworden. Der Israelbesuch von Papst Johannes Paul ii. vom Mai 2000 tat hier seine Wirkung. Aber auch unterschiedliche Zuwanderungsschübe von Christen aus der früheren Sowjetunion bzw. aus Asien und Afrika haben dies gefördert. Auf die jüdisch-christliche Ausdifferenzierung in Israel geht der Beitrag von Rabbiner Rosen ein, den er vor der Sonderversammlung der Bischofssynode im Oktober 2010 im Vatikan vorgetragen hat.

 

Gabrielle Oberhänsli-Widmer, Mitherausgeberin dieser Zeitschrift, stellt in der Sparte „Klassiker der jüdischen Literatur“diesmal den Roman „Stempenju“ des berühmten jiddischen Schriftstellers Scholem Alejchem vor. Der Artikel verbindet eine literaturwissenschaftliche und geistesgeschichtliche Verortung dieses Romans, in dessen Mittelpunkt eine jüdische Frau in einem Schtetl, unweit des heutigen Kiew steht, mit einer Würdigung von Scholem Alejchem. Die weibliche Hauptfigur des Romans, Rochel die Schejne, ist sozusagen die jiddische Madame Bovary Flauberts oder Tolstois Anna Karenina bzw. Fontanes Effie Briest. Die Autorin zeigt überzeugend, dass es sich bei diesem (vermeintlichen) Erstlingsroman von Scholem Alejchem nicht um einen Frauen- oder gar Damen-Roman handelt, sondern um ein durchaus sozialkritisches Werk. Geschrieben mit jener Mischung aus „Tragik und Komik, Pathos und Humor“, die für Alejchem typisch und vermutlich vor allem durch Tewje, der Milchmann – zumal in der Fassung des Musicals Fiddler on the Roof beziehungsweise Anatewka - weltberühmt geworden ist.

 

In der Sparte Dokumentation widmen sich zwei Beiträge dem Thema der Haltung der christlichen Theologie bzw. der Kirchen zum real existierenden Staat Israel. Ulrich Winkler (Salzburg) , ein ausgewiesener Vertreter der sog. „Religionstheologie“, hat mit seinem Beitrag (der auf einen Vortrag in Istanbul zurückgeht), um den wir ihn gebeten haben, für ein bisschen Aufruhr im Kreis der Herausgeber/innen dieser Zeitschrift gesorgt. Und das ist natürlich gut so, denn sein Artikel macht unmissverständlich klar, dass die sog. „Israeltheologie“ gar nicht darum herumkommt, sich auch zu dem real existierenden jüdischen Staat Israel zu verhalten – wie auch immer. Es war das „Wie“ des Verhaltens zum realen existierenden Staat Israel in dem Artikel von Winkler, nicht seine teilweise innovativen theologischen Reflexionen, das für die erwähnte Unruhe sorgte. Anregend empfinden wir zum Beispiel seine treffende Frage danach, ob nicht eigentlich die Existenz des Staates Israel die christliche Theologie dazu veranlassen müsste, darüber nachzudenken, ob „der Staat Israel ein neuerliches und revidiertes Urteil Gottes zugunsten der Juden und gegen die Christen“ ist. Eben diese Frage stellt sich ja besonders scharf, wenn man ernst nimmt, was inzwischen fast alle Kirchen zu einem Grundbestand ihrer Überzeugungen gemacht haben, nämlich die bleibende Erwählung der Juden. Bedeutet dies gleichzeitig auch die theologische Bindung an das Land oder gar den Staat Israel (wie Winkler – gemäß alter christlicher Tradition – fragt)? Was uns in diesem Zusammenhang an Winklers Beitrag fehlt, bringt der Artikel von Frank Crüsemann (Bethel) deutlich zum Ausdruck. Crüsemann stellt sich genau dieser Frage, was es für das Verhältnis zum real existierenden Staat Israel bedeutet, wenn christliche Kirchen nach der Wende im Verhältnis zum Judentum die bleibende Erwählung Israels akzeptieren. Seine Antwort ist explizit orientiert an den politischen Kontexten, in denen sich der moderne Staat Israel seit 1948 zu bewähren und vor allem seiner Anfeindungen aus arabischen bzw. islamischen Staaten zu erwehren hat. Genau hier steht die Frage zu Debatte, ob die Anerkennung der bleibenden Erwählung Israels eben in diesem Kontext mit konkreter Solidarität dem jüdischen Staat gegenüber zu bewähren hat. Dieses Thema muss dringend in dieser Zeitschrift, die sich von dem Mainstream des Israel-Bashings in vielen Medien unterscheidet und unterscheiden will, behandelt werden.

 

Ein von einem Studenten der Augustana-Hochschule, Michael Rummel, aufgefundener Artikel von Gerhard Kittel, der offenbar aus dem Jahr 1944 stammt und bisher nicht veröffentlich worden ist, wird von Wolfgang Stegemann in die antisemitischen Äußerungen des Tübinger Theologieprofessors eingeordnet.

Der unpublizierte Beitrag selbst ist über diesen Link verfügbar.

 

Zur aktuellen Debatte um das sog. Kölner Beschneidungsurteil veröffentlichen wir hier drei Beiträge. Matthias Küntzel , der Politikwissenschaftler und engagierte Kritiker anti-semitischer und anti-israelischer Publikationen, setzt sich mit einer Anzahl öffentlicher Reaktionen auf das Urteil auseinander und stellt sie in den Zusammenhang des traditionellen Antisemitismus. Der Schweizer Kinder- und Jugendarzt Yves Nordmann rückt die medizinische Debatte um die Beschneidung in ein deutlich anderes Licht als die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, die sich ziemlich einseitig zu diesem Thema exponiert hat. Daniel Krochmalnik (Heidelberg) zeigt in seinem Beitrag, der auf einen Vortrag an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg zurückgeht, dass im Grunde seit der Antike bis in die Gegenwart die Beschneidung jüdischer Knaben geradezu Inbegriff der Judenfeindschaft war. Sie ist, so wird an vielen, zum Teil erschütternden Beispielen deutlich, in der Tat für Juden immer auch „lebensgefährlich“ gewesen, da sie als Merkmal jüdischer Identität ihre Träger dem Todesurteil ausliefern konnte. 

 

Barbara Schmitz stellt in der Bücherschau  einige interessante Neuerscheinungen vor.

 

Die Herausgeberinnen und Herausgeber 

 

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