Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Klassiker der jüdischen Literatur - Gabrielle Oberhänsli-Widmer


Die Tierapokalypse des äthiopischen Henoch-Buches – ein Wurf antiker Geschichtsschreibung

    Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist Professorin für Judaistik am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg und Mitherausgeberin dieser Zeitschrift.


Zwar sind Tiere in der Erwachsenenliteratur zu Unrecht untervertreten, doch dort, wo sich Fuchs, Löwe und Lämmchen in dramatischem Dekor tummeln, tun sie dies zumeist mit bemerkenswertem Erfolg. Man denke nur an die Schlange im Paradiesgarten, an den Jesajanischen Tierfrieden oder an den Esel des Messias, oder man erinnere sich – außerhalb des biblischen Rahmens – an die Fabeln des Äsop, Goethes Reineke Fuchs oder an George Orwells Animal Farm. Die wenigen Beispiele mögen genügen zu illustrieren, dass das israelitisch-jüdische Schrifttum, welches in seiner dreitausendjährigen Entwicklung mit beinahe jeder Gattung der Weltliteratur Freundschaft geschlossen hat, auch einiges an Tierdichtung zu bieten weiß. An dieser Stelle soll nun aber keine der prominenten Tierepisoden alttestamentlicher Provenienz vorgestellt werden, sondern vielmehr ein Kleinod der frühjüdischen Pseudepigraphen, das, wie zahlreiche seiner apokryphen Artgenossen, bedauerlicherweise ein recht tristes Mauerblümchendasein fristet: die Tierapokalypse, ein überschaubarer Text von zwei Kapiteln im voluminösen Konvolut des äthiopischen Henoch-Buches, ein Tierepos en miniature, das die Geschichte Israels von Adam bis zum Kommen des Messias als bunt bewegte Menagerie inszeniert. Als unterhaltsames Rätsel getarnt enthält der Text indes beunruhigend viel Zündstoff. Grund genug, die Fährten seiner Tiere aufzuspüren und seine Tradenten nach Möglichkeit zu entlarven.


Der Rahmen der Henoch-Dichtung

In den Mund gelegt ist die Tierapokalypse der Gestalt Henochs, dem aus der Genesis bekannten Urgroßvater Noahs, welcher laut dem Stammbaum der ersten Menschengeschlechter mit Gott wandelte und entrückt wurde, ohne sterben zu müssen (Gen 5,24).[i] Mithin als Unsterblicher unter den Sterblichen avanciert Henoch im Frühjudentum zu einem der herausragendsten Offenbarungsträger, sodass er einem apokalyptischen Propheten gleich mit seinen Endzeitvisionen die literarische Bühne der zwischentestamentlichen Zeit beherrscht. So bedeutend scheint seine Präsenz, dass inzwischen die Forschung im Kontext der vielfältigen frühjüdischen Strömungen von einem eigentlichen ‚Enochic Judaism‘ spricht, einer Art Henochiden. Zeugnis davon legt das äthiopische Henoch-Buch ab, ein apokalyptisches Sammelwerk aus dem 3.-1. Jahrhundert v. Chr., das eine Vielzahl von Henochs düsteren und disparaten Prophetien zusammenhält.


Insofern überlappen sich wohl die ältesten Teile der Henoch-Schriften mit den späten Texten und Schichten der Hebräischen Bibel.[ii] Die Rabbinen jedoch haben diese Schriften nicht in ihrem Kanon integriert. Erhalten ist der Henoch-Stoff maßgeblich deshalb, weil er Eingang in den Kanon der äthiopischen Kirche gefunden hat. Durchgehende Handschriften des Gesamttextes liegen denn auch nur äthiopisch vor, Teile und Fragmente hingegen auch in zahlreichen anderen Sprachen, allen voran griechisch, aramäisch, koptisch, syrisch und lateinisch. Die ursprüngliche Fassung war wohl nicht griechisch, sondern in einer semitischen Sprache verfasst, wahrscheinlich aramäisch, wie es auch die zahlreichen Qumran-Funde des Textes aus der vierten Höhle nahe legen, darunter mehrere Fragmente der Tier-Apokalypse unterschiedlicher Handschriften.[iii]

 

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[i] Irritierend und zumeist unbeachtet bleibt der Umstand, dass (ein) Henoch ebenfalls im Kain-Stammbaum aufgeführt ist, und zwar als direkter Sohn Kains (Gen 4,17.18); vgl. Philip R. Davies, And Enoch was not, for Genesis took him, in: Charlotte Hempel/Judith M. Lieu (Eds.), Biblical Traditions in Transmission, Leiden 2006, 97-107.

[ii] Gabrielle Oberhänsli-Widmer, Göttersöhne, Menschentöchter und Giganten – unheilvolle Allianzen als Urgrund des Bösen: Genesis 6,1-4 biblisch, apokalyptisch und rabbinisch gelesen, in: Judaica 66/3, 2010, 229-258.

[iii] Jozéf T. Milik, The Books of Enoch. Aramaic Fragments of Qumrân Cave 4, Oxford 1976.

 

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