Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Judith Wipfler

Ein Buch mit sieben Siegeln


     Judith Wipfler ist reformierte Theologin und arbeitet als Fachjournalistin für das Schweizer Radio DRS in Basel.


 

Buchbesprechung Klaus Wengst:

„Wie lange noch?“ Schreien nach Recht und Gerechtigkeit – eine Deutung der Apokalypse des Johannes


„Ein Buch mit sieben Siegeln“ ist vielen Lesenden das letzte Buch der christlichen Bibel geblieben. Dabei heißt es doch „Offenbarung“ des Johannes oder eben „Apokalypse“, was wörtlich „Enthüllung“ heißt. So versteht auch der bald 70jährige Neutestamentler Klaus Wengst die Apokalypse als Buch, das die bestehenden Macht-Verhältnisse enthüllt, indem es das Imperium Romanum seiner Gräueltaten überführt und den Gott Israels als wahren und einzigen Herrn postuliert.


Anders als die seit Jahrtausenden immer wieder auftretenden Endzeitprediger bis heute behaupten, ist die Apokalypse nach Wengst gerade kein „Endzeitfahrplan“, keine Vorhersage katastrophal hereinbrechender Ereignisse, auch wenn sich ihre Bilder ja ganz wunderbar als Drehbuchvorlage für Actionfilme a la Armageddon eignen: von vielköpfigen Untieren, apokalyptischen Reitern und Posaunen bis hin zu blutüberströmten Schlachtfeldern. Nein, so betont Wengst: „Die Katastrophe ist schon da!“,  jedenfalls im Erleben des apokalyptischen Autors Johannes an der Schwelle vom ersten zum zweiten Jahrhundert. Die Datierung der Johannesoffenbarung muss eindeutig nach 70 u.Z. erfolgen, denn die Tempelzerstörung ist (wiederum) als Katastrophe im Werk gegenwärtig. Die ebenfalls darin angesprochenen Verfolgungen und Martyrien (Apk 6,9) weisen auf bereits erlittene Erfahrungen unter Rom im 1. Jh. hin. Wenngleich es in der Regierungszeit Kaiser Domitians (81-96 n.u.Z.) keine, wie lange angenommen, systematischen Christenverfolgungen gegen hat, votiert der Neutestamentler Wengst gleichwohl für diese Zeit, weil hier das Gottkaisertum einen neuen Höhepunkt erreicht hatte und damit auch der Druck auf Juden und Jesusanhänger, sich dem römischen Totalanspruch zu beugen.


Das römische Weltreich, seine militärische Überlegenheit, mit der es Aufstände blutig niederzwingt und die Menschen in den Provinzen wirtschaftlich bis aufs Letzte ausbeutet, das erlebt der Ich-Autor Johannes als Katastrophe, die ihn zum Heulen bringt (Apk 5,4). Die Gewalttaten der Römer beschreibt er als „monströs“ und wählt dafür darum auch drastische biblische Bilder wie das vom Untier, das aus dem Meer kommt. Diese Bildersprache zitiert so eindeutig aus den ersttestamentlichen Büchern (v.a. Daniel) und jüdisch-apokalyptischen Apokryphen (4. Esrabuch, Henoch u.a.), dass als Autor nur ein bibelfester und polyglotter Jude infrage komme. Auch an sprachlichen Details wie etwa dem semitisierenden Griechisch oder dem vorsichtigen Umgang mit dem Gottesnamen, kann Wengst den jüdischen Hintergrund des Autors erkennen, dessen Heimat er im Lande Israel und dort in der priesterlichen Oberschicht vermutet. Was genau aber diesen Johannes auf die Insel Patmos (Apk 1,9) verschlagen hat, vermag auch Klaus Wengst nicht mit Sicherheit zu sagen. Er vermutet eine Art Exil, denn es könnte sein, dass Johannes als jüdischer Aristokrat römisches Bürgerrecht hatte und darum für seine den Kaiserkult verweigernde Glaubenshaltung anstatt mit dem Tode „nur“ mit Verbannung betraft worden war.


Trotz des vielen Bluts und aller Gewalt sei die Johannesoffenbarung aber kein düsteres Buch, plädiert Klaus Wengst. Ein eigenes Kapitel widmet er dem „neuen Lied“, das die messiasgläubigen Gemeinden singen sollten. In den Lobgesängen, hymnischen Versen und Doxologien erkennt Wengst Ansätze für eine Gemeindetheologie, an die heutige Christinnen und Christen anknüpfen könnten, besonders die „Protestanten“, denn die Johannesapokalypse sei Protestliteratur aus dem Untergrund. Das Regime der Römer werde hier von den unterprivilegierten Rändern her erlebt und als qualvoll beschrieben. Dieses Raubtier (Rom) verschlingt alles. Und so warnt Johannes vor den Verlockungen, die Rom im Zentrum mit Macht und Luxus bereit hält. Wer mitmacht im römischen System, also bei Götzendienst und Kaiserkult, der betreibt „Hurerei“, weil er um materiellen Vorteils willen dem Gott Israels untreu wird. Dass darum standhafte Glaubensgeschwister den Märtyrertod sterben, mag Johannes jedoch nicht heroisch verbrämen, hingegen klagt er: „Wie lange noch?“ Diese Anfrage hat Klaus Wengst auch als Titel für sein Buch über die Johannesapokalypse gewählt und als Untertitel: „Schreien nach Gerechtigkeit und Recht“. Dieser Schrei ist leider noch genauso aktuell wie die Dynamik von Luxus, Reichtum und Macht, vor der Johannes so eindringlich warnt, – diese Dynamik spielt ja bis heute: Nur die Menschen in den Zentren von Macht und Geld profitierten, die Menschen am Rande des Wohlstands zahlten immer noch den Preis dafür, aber - „wie lange noch?!“ – Ob Johannes heute wohl unter den Demonstrierenden auf dem Zürcher Paradeplatz zu finden wäre, – eher „Ja“, meint Klaus Wengst. Als er sein Buch schrieb, war die Occupy-Bewegung allerdings noch gar nicht aktiv. Umso verblüffender ist seine Lesart der Johannesoffenbarung. Klaus Wengst räumt das letzte Buch der christlichen Bibel von Endzeithysterien frei und macht es wieder als Protestliteratur stark.

 

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