Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

PDF Drucken E-Mail

Christina Tuor-Kurth

Eine Anweisung zu konkretem Tun.
Die Lehre des Weltherrschers Jesus auf dem Berg


     Christina Tuor-Kurth ist Privatdozentin für Neues Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Basel und Mitherausgeberin dieser Zeitschrift.


 

Buchbesprechung Klaus Wengst: Das Regierungsprogramm des Himmelreichs


Die Universitäten, zumindest deren geisteswissenschaftliche Abteilungen, haben noch zuwenig auf die Tatsache reagiert, dass mit der Emeritierung von Professorinnen und Professoren jeweils ein Geist verlustig geht, der sich auf der Höhe seiner Schaffenskraft und Weisheit befindet. Von dem emeritierten Bochumer Neutestamentler Klaus Wengst sind in den letzten Jahren eine fast schon an Eco’sche Dimensionen heranreichende Zahl an Büchern erschienen, die von ebendiesem weisen Geist zeugen. Zu ihnen gehört die einem breiteren Publikum zugedachte Auslegung der Bergpredigt unter dem Titel: »Das Regierungsprogramm des Himmelreichs«. Das Werk kann als Frucht einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit den Kapiteln 5–7 des Matthäusevangeliums gelten.


Bevor er sich in vierzehn Kapiteln dem Text in seinem gesamten Umfang widmet, legt Wengst einleitend seine Position zu umstrittenen Fragen in der Auslegung der Bergpredigt dar. Anknüpfend an Pinchas Lapide problematisiert er die Bezeichnung von Matthäus 5–7 als Bergpredigt: Predigt suggeriere, dass es sich um einen christlichen Text handelt, was von seinem Ursprung her nicht zutrifft. Zudem stehe in den Kapiteln 5–7 das Lehren im Vordergrund, weshalb Wengst von »Jesu Lehre auf dem Berg nach Matthäus 5–7« spricht (13). Doch sei der Begriff Predigt nicht ganz ohne Anhalt am Text, da die Kapitel 5–7 in den Rahmen der verkündigenden Tätigkeit Jesu gestellt werden (Mt 4,23; 9,35). Im Lehren Jesu vollziehe sich die Verkündigung der frohen Botschaft des Evangeliums. Dieser »Evangeliumscharakter« (19) der Lehre auf dem Berg ist ein zentraler Punkt in Wengsts Verständnis von Matthäus 5–7. Er fasst so zusammen: Tora ist nicht Gesetz, Tora ist in erster Linie Evangelium, was meint: »zusprechende Weisung zum rechten und guten Leben« (19).


In einem zu engen Verständnis von Tora als Gesetz liegt nach Wengst auch eine wesentliche Voraussetzung für jene Auslegungstradition, die betont, dass die Lehre auf dem Berg unerfüllbar sei. Für Wengst selber handelt es sich bei Matthäus 5–7 um eine Lehre, die dem Verfasser als Jesus zugesprochene Rede gilt. Matthäus, ein an Jesus den Messias glaubender Jude, hat sie für seine Gemeinde zusammengestellt und in sein Evangelium eingeordnet. Diese Jesuslehre soll in der Gemeinde »etwas bewirken«, was in ihr geboten wird, »soll auch getan werden in und von der Gemeinde« (22). Es ist mithin erfüllbar. Und da der Gemeinde eine besondere Funktion zukommt – als Salz der Erde, als Licht der Welt (Mt 5,13-16) –, ist der Blick über die Gemeinde hinaus auf die Welt gerichtet, was nicht zuletzt durch die zuhörende Volksmenge (5,1; 7,28) narrativ angelegt sei. Die »doppelte Hörerschaft« der sich Jesu Herrschaft schon unterstellenden Schüler und der Volksmengen weist, so Wengst, von der kleinen, bedrängten Minderheit der Gemeinde hinaus in die Öffentlichkeit der Welt. Vom Gesamtzusammenhang des Matthäusevangeliums her (vgl. Mt 28,18) sei Jesu Lehre auf dem Berg »als Lehre des Weltherrschers Jesus«, also »als sein Regierungsprogramm« zu verstehen (31).


Die Auslegung der Kapitel 5-7 ist in vier grössere Abschnitte unterteilt: 1. Jesu Schüler als Zeugen der Gerechtigkeit des Himmelreichs (5,3–16), 2. Gerechtigkeit nach Jesu Auslegung der Tora (5,17–48), 3. Das Trachten nach dem Himmelreich und nach Gottes Gerechtigkeit (6,1-7,12), 4. Die Relevanz des Tuns für die Teilhabe am Himmelreich (7,13–27). Bereits an den Titeln wird deutlich, dass Wengst die ethischen Anweisungen in der Lehre auf dem Berg nicht als ein Programm (???) versteht. Abgesehen von den nach Wengst die Lehre auf dem Berg bestimmenden Begriffen Gerechtigkeit und Himmelreich (23), sucht er nach keiner inhaltlichen Systematik, sondern erhellt vielmehr den narrativen Aufbau, man könnte auch sagen, die Rhetorik dieser jesuanischen Lehrrede. Nur Weniges kann im folgenden aufgegriffen werden.


In 5,3–16 sind die Schüler »als tatkräftige Zeugen der Gerechtigkeit des Himmelreiches« (23) angesprochen. Wengst übersetzt das griechische makários in den sog. Seligpreisungen (5,3-12) entsprechend dem hebräischen aschréj mit „glücklich“. Bei den Seligpreisungen handle es sich um »Beglückwünschungen« (32). Die hier Angesprochenen werden nicht zu einem bestimmten Verhalten aufgefordert – Wengst wendet sich gegen die Interpretation der Seligpreisungen als ‚Einlassbedingungen für das Himmelreich’. Vielmehr werden bestimmte ethische Verhaltensweisen beglückwünscht: Menschen, die den Bettelarmen beistehen (so interpretiert Wengst unter Verweis auf rabbinische Texte den bis heute kontrovers gedeuteten Begriff der Armen im Geist, Mt. 5,3), Menschen, die Unrecht beklagen, Gewaltfreie, Barmherzige, Friedensstifter, Nicht um Einlassbedingungen, sondern vielmehr um »Lebensbedingungen« des Himmelreichs ginge es bei diesen Beglückwünschungen: »Der Glückwunsch, der Zuspruch steht voran. Er gilt, weil Gott herrscht« (35). Als Zeugen für diese Verheissung von Gottes Gerechtigkeit werden die Schüler als Salz der Erde und als Licht der Welt bezeichnet, ein Zuspruch, der zugleich Mahnung sei: »Salz ist nur Salz, wenn und solange es auch als Salz wirkt; Licht ist nur Licht, wenn und solange es leuchtet« (59). Wie bei den Beglückwünschungen ist auch hier das Tun der Schüler im Blick: Sie haben in ihrem Handeln und Verhalten Zeichen des Himmelreichs zu setzen (63).


Der Abschnitt 5,17–48 hat innerhalb der christlichen Theologie folgenschwere Weichenstellungen hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Judentum und Christentum begründet. In ihn wurde die Abschaffung des Gesetzes und dessen Überbietung durch das Evangelium hineingetragen, was in der Geschichte der christlichen Kirche zu Judenfeindschaft und christlicher Überhebung als ‚wahres Israel’ geführt hat. Wengst kann hier seine am griechischen Wortlaut des Textes und an rabbinisch-jüdischer Toraauslegung sich orientierende Interpretation besonders fruchtbar machen. Wie von christlichen Auslegerinnen und Auslegern in den letzten Jahren zunehmend herausgestellt, betont auch er, dass die Gerech-tigkeit, die in 5,20 gefordert wird, nicht einen qualitativen Unterschied zur Gerechtigkeit der Schriftgelehrten und Pharisäer bedeutet (Luther übersetzte bekanntlich mit »besser«), sondern dass hier eine Quantität angesprochen ist (75): Es geht um ein Mehr an Gerechtigkeit. Wengst übersetzt darum das griech. Verb perisseúein so: Wenn eure Gerechtigkeit nicht in grösserem Überfluss vorhanden ist (66). Die Tora wird nicht aufgehoben – wie nach wie vor manche Auslegung behauptet. Die Verse 5,17-20 legen im Gegenteil Jesu grundsätzliche Stellung zur Tora dar. Neben der  unbedingten Geltung der Tora ist, so Wengst, auch deren aktuelle jüdische Auslegung Gegenstand dieses Abschnitts (76), weshalb in 5,21-48 Jesus als Ausleger der Tora präsentiert wird. Auch hier wendet sich Wengst von einer jahrhundertelang dominierenden Auslegungs-tradition ab, die diese Verse als Antithesen versteht. Ist bei der sechsmaligen Einleitung »es ist gesagt – ich aber sage euch« schon vom Griechischen her eine adversative Übersetzung nicht die einzige Möglichkeit, so macht der Vergleich mit rabbinischer Sprachform deutlich, dass die Toraauslegungen des matthäi-schen Jesus nicht in einen Gegensatz zu anderen Auslegungen gestellt werden. Aber auch die Inhalte der Auslegungen Jesu sprechen gegen die Bezeichnung als Antithese, wird doch in ihnen nichts gesagt, was sich in der rabbinischen Tradition nicht auch findet (80). Wengsts eigene Auslegung versteht diesen Abschnitt als eine bewusst komponierte Einheit, die als solche interpretiert werden muss (82). In ihm wird die Gerechtigkeit des Himmelreichs weiter entfaltet und damit das konkrete Tun, das zu Gottes Reich und Gottes Gerechtigkeit führt. Ziel ist eine Entsprechung zu göttlicher Heiligkeit, wie die Vollkommenheitsforderung in 5,48 zusammenfassend festhält. Sie richtet sich – an diesem Punkt scheint Wengst der Kritik der Reformatoren an einer Stufenethik zu folgen – nicht an einen ausgewählten Kreis, sondern an die ganze Gemeinde (137).


In 6,1-7,12 legt der matthäische Jesus dar, was die Aufforderung bedeutet, zuerst nach dem Reich Gottes und nach Gottes Gerechtigkeit zu trachten (6,33). Matthäus verstehe die drei wichtigsten jüdischen Frömmigkeitsübungen Beten, Almosen, Fasten (138) als Ausdruck gelebter Gerechtigkeit. Die Orientierung an der göttlichen Gerechtigkeit wird auch beim Umgang mit Besitz und irdischen Sorgen hervorgehoben. Wengst versteht die Aussage, niemand kann zwei Herren dienen (6,24), als Aufforderung, keinen Bereich des menschlichen Lebens aus der Liebe zu Gott herauszunehmen. In seiner radikalen Alternative könne dies bedeuten: Gott oder Geld: »Das Trachten nach Gottes Reich und Gerechtigkeit als dem Aufhäufen von Schätzen im Himmel verlangt ein ungeteiltes Herz, das auch nicht heimlich am Geld hängt« (174). Die Kompromisslosigkeit einer solchen, aus dem Text und seiner Welt erhobenen Deutung kann den seit Schleiermacher immer wieder unternommenen Versuch einer Vereinbarkeit von christlicher Ethik und Geldwirtschaft auf den Prüfstand stellen.


Mit dem letzten grossen Abschnitt, 7,13-27, kommt die Jesusnachfolge in den Blick. In ihm sieht Wengst die Bedeutung der in der Lehre auf dem Berg gegebenen Weisungen für die Zugehörigkeit zu Jesus dargelegt. Konkret wird »die Relevanz des Tuns für die Teilhabe am Himmelreich« herausgearbeitet. Bei seiner Auslegung des Gleichnisses am Schluss der Bergpredigt schöpft Wengst noch einmal aus dem Fundus rabbinischer Überlieferung. Er stellt eine Tradition zusammen, bei der das gegenseitige Verhältnis von Studium der Tora und Tun der Tora zur Sprache kommen. Verschiedene rabbinische Texte variieren das matthäische Bild vom klugen Mann, der sein Haus auf dem Felsen baute, wodurch es den Winden und Stürmen zu trotzen vermochte (7,24–25). Wengst subsumiert sie unter das Mischnawort: »Nicht das Studium ist die Hauptsache, sondern das Tun« (222).


In Wengsts Auslegung der Bergpredigt ist der historische Ort jenes Textes – eine Gemeinde im 1. Jahrhundert, die sich als innerhalb des Judentums stehend versteht (76) – zentraler Ausgangs- und Orientierungspunkt. Gleichzeitig kommt dessen Rezeption in der christlichen Theologie zur Sprache. An manch einer Stelle erfolgen Auseinandersetzungen mit der lutherischen Auslegungstradition. Etwa da, wo Wengst anhand der Sprachgeschichte die von Luther geprägte Übersetzung des griechischen didáskalos mit Jünger anstatt mit Schüler in Frage stellt (25f.). Das Spezifische ist jedoch sein Ansatz einer konsequent text-vergleichenden Auslegung. Seine intensive Beschäftigung mit rabbinischer Literatur und Tradition verfolgt dabei nicht das Ziel, Jesu Aussprüche und Sentenzen gegenüber denjenigen der zeitgenössischen jüdischen Gelehrten als besser, verdichteter oder origineller herauszustellen. Von einer solchen Auslegungstradition distanziert er sich ausdrücklich, so am Beispiel von Paul Billerbeck (225). Wenn Wengst in seiner Auslegung von Jesu Lehre auf dem Berg immer wieder und mit grosser Kenntnis des rabbinischen Textmaterials aufzeigt, wiesehr diese Lehre in ihrem jüdischen Kontext verwurzelt ist, dann fordert er die christliche Kirche dazu auf, mit diesem Tatbestand angemessen umzugehen: »Es käme darauf an, wie wir als Völkerkirche diesen so entstandenen Text aufnehmen können, ohne ihn antijüdisch zu profilieren, und ihn dabei auch nicht einfach nur als historisierend in seine vergangene Entstehungszeit einzubetten«, schreibt er im Vorwort (8). Beides löst Wengst mit seinem Buch ein: Das erste, indem er gegen eine christliche Auslegungsgeschichte das jüdische Profil dieser Lehre herausarbeitet und da-durch den Text in seinem historischen Kontext ernstnimmt; das zweite, indem er den Evangeliumscharakters der Tora als einer auf das konkrete Tun gerichteten Weisung betont. Wer eine eschatologische Auslegung der Bergpredigt favorisiert, kann an der einen oder anderen Stelle diesen eschatologischen Geltungsanspruch vermissen. Doch scheint hier der eigene, einem lebenslangen Engagement im christlich-jüdischen Gespräch verpflichtete, Ansatz den Ausschlag für Gewichtungen gegeben zu haben. Zum Beispiel, wenn gegen das unpassende Schema Verheissung – Erfüllung das Tun der Toragebote in der Zeit betont wird (66).


Insgesamt gelingt es Wengst, die Leserin und den Leser in jenen Lernprozess mit dem Judentum hineinzunehmen, der notwendig ist für das Ziel, das er selbst so formuliert: »Ziel wird es sein, das jüdische Profil dieser Lehre, das in der christlichen Auslegungsgeschichte verdeckt worden ist, wieder neu zu entdecken; und dieses Entdecken dient einem besseren Verstehen des Textes« (22). Das Zugänglichmachen eines reichen Schatzes an rabbinischen Texten – ins Deutsche übersetzt – und der gut lesbare Stil dieses Kommentars eignen sich für ein breiteres Lesepublikum. Pfarrerinnen und Pfarrern kann er zur Vorbereitung einer Predigt oder Textmeditation dienen. Angesichts des anhaltenden Interesses christlicher Ethik an der Bergpredigt ist dem Kommentar eine aufmerksame Rezeption zu wünschen – und die gleiche Achtsamkeit, die er selbst im Umgang mit dem Text und dessen Umfeld vorweist.

 

Suche

Buchtipp