Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Hans Hermann Henrix

Judaist, Theologe und Dialogiker

 

     Prof. Dr. phil. h.c. Hans Hermann Henrix, Dipl.-Theol., langjähriger Direktor der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen, ist Mitherausgeber von „Kirche und Israel“, Mitglied der Unterkommission „Fragen des Judentums“ der Deutschen Bischofskonferenz und Konsultor der Vatikanischen Kommission für religiöse Beziehungen zu den Juden.


Clemens Thoma (1932-2011), Nachruf

Jahrzehnte lang ist er den plakativen Gegenüberstellungen der Polarisierung, des polemischen Komparativs und der Abgrenzung zwischen Christentum und Judentum entgegengetreten, um sie durch eine kontextuelle Lektüre zu überwinden. Er hat Kontinuitäten, Entwicklungen und Bekräftigungen herausgearbeitet, wo andere einen Bruch, eine Unvergleichlichkeit oder Entgegensetzungen sahen. Es ging ihm um Integrität christlicher Existenz und Theologie, welche frei ist von negativen Klischees und Feindseligkeiten gegenüber dem Judentum. Er war ein treuer Sachwalter, aber bisweilen auch kräftiger Kritiker seiner Kirche und praktizierte eine freundschaftliche Kollegialität mit jüdischen Gelehrten. Am 7. Dezember 2011 starb Clemens Thoma, viele Jahre Professor für Judaistik und Bibelwissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern und Gründer des dortigen Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung, im Alter von 79 Jahren.


Der Beginn seines Lebenswegs ließ den weiten Radius des späteren Wirkens kaum erahnen. Am 2. November 1932 in Kaltbrunn, Kanton St. Gallen, geboren, wuchs er auf dem Bauernhof seiner vom traditionellen schweizerischen Katholizismus geprägten Familie mit zehn Geschwistern auf. Nach dem Abitur am Gymnasium in Einsiedeln studierte er an den Hochschulen der Steyler Missionare in St. Augustin bei Bonn und St. Gabriel bei Wien Theologie und wurde Mitglied der Steyler Missionsgesellschaft (svd). Er erhielt 1961 die Priesterweihe und setzte seine Studien 1962 bis 1966 im Fach Ethnologie, später auch in der Judaistik bei Kurt Schubert in Wien fort. Nach seiner Promotion hatte er ab 1967 Lehrverpflichtungen am Wiener Institut für Jüdische Studien und an der Hochschule seines Ordens in St. Gabriel, ehe ihn 1971 der Ruf nach Luzern erreichte. Dort gründete er zehn Jahre später das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung, das er bis 2000 leitete. Clemens Thoma verknüpfte die judaistische Forschungsarbeit mit dem praktischen jüdisch-christlichen Dialog und kam zu dem Befund: „Judentum und Christentum sind Zwillinge, deren Jahre mit Feindschaft gegeneinander gefüllt sind, für deren kommende Lebensabschnitte sich aber eine Aussöhnung abzuzeichnen beginnt.“ Sein Leitbild der Beziehung von Judentum und Christentum war das einer „Solidaritätsgemeinschaft“ ohne Vermischung und jenseits aller Konversionsabsichten. Seine Arbeit galt der „Theologie jüdisch-christlicher Begegnung“, wie der Untertitel seines späteren Hauptwerks „Das Messiasprojekt“ (1994) lautete. Jahre zuvor hatte er seinem ersten Hauptwerk noch den Titel „Christliche Theologie des Judentums“ (1978, amerikanische Ausgabe 1980) gegeben, ein Programmwort, das er von Jakob J. Petuchowski (1925-1991) übernommen hatte. Auf Petuchowskis Vision einer Projektdisziplin jüdisch-christlicher Studien ließ Thoma sich mit der gemeinsamen Erarbeitung des „Lexikons der jüdisch-christlichen Begegnung“ (1989, neu bearbeitet von Thoma 1997) ein. Dieses jüdisch-christliche Gemeinschaftswerk, dessen Verdienst 1994 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille für beide Autoren geehrt wurde, liefert zu wichtigen Themen des heutigen Dialogs eine solide wissenschaftliche Information und lohnt nach wie vor die Konsultation. Zur „Christlichen Theologie des Judentums“ hatte David Flusser (1917-2000) eine umfangreiche Einführung geschrieben. Thoma hatte Flusser 1975/76 als Gastprofessor nach Luzern geholt, und die beiden pflegten eine fast 30jährige intensive Korrespondenz, aus der Thoma gerne Flussers Wort „Jesus – der ist kristallklares Judentum“ zitierte. Und wie Flusser die Gleichnisse Jesu in die Gattung jüdischer Gleichnisse hineinstellte („Die rabbinischen Gleichnisse und der Gleichniserzähler Jesus“, 1981), so erschloss Thoma mit Kollegen in einem vierbändigen Werk „Die Gleichnisse der Rabbinen“ (1986-2000). Seine große wissenschaftsorganisatorische Leistung zeigte sich nicht nur in der fast 20jährigen Leitung (1981-2000) des Luzerner Instituts, sondern auch in der langen Mit-Herausgeberschaft der 1976 begonnenen Reihe „Judaica et Christiana“ oder in der Hauptschriftleitung des „Freiburger Rundbriefs“ für christlich-jüdische Begegnung, die er von 1993/94 bis 2010 innehatte. Facettenreiche Festschriften zu seinem 60. und 70. Geburtstag ehren ihn. Wie wenig Clemens Thoma die Wissenschaft Selbstzweck war, wurde in seiner Aufgabe als Konsultor der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden oder als Berater der Schweizerischen Bischofskonferenz deutlich. In den Tagen eines Vatikaninternen Kolloquiums zu den Wurzeln des Antijudaismus im christlichen Bereich 1997 nahm der nachmalige Kardinal Jorge M. Mejia, von 1977 bis 1986 Sekretär der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Juden, Clemens Thoma beiseite und dankte ihm emphatisch dafür, dass er so sensitiv für die theologische Dimension im christlich-jüdischen Dialog eintrete, der allzu oft nur politisch verstanden werde. Als Theologe und Ordenspriester vermittelte Thoma z.B. den Schwestern der Kongregation Unserer Lieben Frau von Sion vor ihrem Generalkapitel in Jerusalem, dass ihre Berufung, das Verständnis und die Gerechtigkeit gegenüber dem jüdischen Volk ohne missionarischen Hintersinn zu fördern, theologisch bestens begründet sei. Und auf Katholikentagen erschloss er Aspekte der Wirklichkeit Gottes, den das Judentum keineswegs als beziehungslos und nur weltenthoben verstehe, sondern als Weltenschöpfer und Herrn der Welt, der in und unter Israel Wohnung nehme. Nach 2000 wirkte Clemens Thoma als Seelsorger einer Ordensgemeinschaft und eines Altenheims in Schänis. In seinen letzten Lebensjahren litt er zunehmend am Verlust der Erinnerung. Die Erinnerung an ihn wird durch seine Schriften weiter wirken.

 

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