Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Christoph Stenschke

Notwendige Ergänzungen „auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum“


     Dr. Christoph Stenschke ist Dozent an der Biblisch-Theologischen Akademie (Forum Wiedenest) in Bergneustadt und Professor extraordinarius am Department of New Testament and Early Christian Studies der University of South Africa, Pretoria.


Das 2004 erstmalig erschienene Buch von Klaus-Peter Jörns, Notwendige Abschiede auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum hat eine breite und notwendige Debatte ausgelöst.[1] Dass das Christentum in unserem Land an Glaubwürdigkeit verloren hat – und das nicht nur durch die verschiedenen Skandale der vergangenen Jahre – ist offensichtlich. Obwohl die Auseinandersetzung mit den teils pointiert vorgetragenen Thesen Jörns interessant und weiterführend wäre[2], geht es mir nicht um notwendige Abschiede. Ich möchte vielmehr notwendige Ergänzungen vorschlagen, die zu einem glaubwürdigeren Christentum beitragen. Dass es nicht leicht ist, das „Christentum“ (als abstrakte Größe) zu ergänzen, liegt auf der Hand. Um wen oder was soll es denn wie ergänzt werden und ergänzt werden können? Unser Ansatz ist bescheidener: auf zwei Gebieten werden Ergänzungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses (Apostolikum) vorgeschlagen.[3]


Als fester Bestandteil vieler Gottesdienste wird mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis als dem wohl ältesten, wichtigsten und bekanntesten Bekenntnis des Christentums regelmäßig der christliche Glaube bekannt. Als Zusammenfassung wesentlicher Inhalte des christlichen Glaubens ist dieses Bekenntnis nicht zu überschätzen[4]: was dort inhaltlich bekannt wird, ist zumindest innerkirchlich präsent, was dort nicht erscheint, bedarf großer Aufmerksamkeit in Verkündigung und Katechese.


Auch in der Vergangenheit wurde das Apostolikum als Zusammenfassung des christlichen Glaubens verstanden. So behauptete der lutherische Dogmatiker Georg Calixt (1586-1656), das Apostolikum „sei, da es in der Alten Kirche als Taufbekenntnis gedient habe, als Inbegriff der apostolischen Lehre und damit des alle christlichen Kirchen verbindenden Glaubens zu werten“.[5] Johann Salomo Semler (1725-91) etwa war entgegen den Bedenken der Dogmatiker der lutherischen Orthodoxie der Auffassung: „Was im Apostolikum zu fehlen scheine, sei entweder implicite enthalten oder es handle sich nicht um Fundamentalartikel ersten Grades“.[6] Zu g. e. Lessings Einschätzung schreibt h. m. Barth: „Was das Neue Testament darüber hinaus enthalte, sei nach Meinung der Alten Kirche nicht heilsnotwendig, ‚kann wahr oder falsch sein; kann so oder so verstanden werden‘. Die Aufwertung des Apostolikums diente zugleich der Reduktion der christlichen Glaubensaussagen“.[7] Freilich erklärt die Reduktion des Bekenntnisses auf die Minimalaussagen des Apostolikums auch die Heftigkeit, mit der teilweise gegen diesen Rest gekämpft wurde und wird.[8] Die letzte Aussage ist auch bei der Bedeutung des Apostolikums im gegenwärtigen ökumenischen Gespräch zu veranschlagen, da eine „Einigung“ auf das Apostolikum mit der Reduktion christlicher Glaubensaussagen verbunden ist.


Trotz dieser positiven Einschätzungen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses schlägt dieser Aufsatz auf zwei Gebieten notwendige Ergänzungen vor. Sie ergeben sich zum einen aus dem biblischen Zeugnis und zum anderen aus der teilweise verheerenden Wirkungsgeschichte des Fehlens wichtiger biblischer Inhalte.


Zunächst einige Überlegungen zur Entstehung und Bedeutung des Apostolikums sowie von christlichen Bekenntnissen im Allgemeinen.[9] Die intensiv über einhundert Jahre geführte Debatte um die Entstehung und Entwicklung des Apostolikums fasst C. Markschies wie folgt zusammen:


Die Fülle recht ähnlicher westlicher Formen im 4. Jh. … und deren Verwandtschaft zu östlichen Formen wird am besten durch die Hypothese erklärt, dass das Romanum [der Vorläufer des Apostolikums] irgendwann im Laufe des 3. Jh. aus einem trinitarischen und christologischen Teil zusammengewachsen ist, vielleicht auch früher – hier kann mangels Quellen nichts Genaueres mehr gesagt werden. Die außerordentlich kunstvolle Struktur des Romanum spricht gegen ein allmähliches Wachstum seiner trinitarischen Grundstruktur.[10]

 

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[1] 4. Aufl. (Gütersloh: Gütersloher, 2008).

[2] Zur kritischen Diskussion mit Jörns und Verteidigung der historischen christlichen Soteriologie vgl. V. Hampel, R. Weth (Hrsg.), Für uns gestorben: Sühne – Opfer – Stellvertretung (Neukirchen-Vluyn: Neukirchener, 2010). Selbst wenn einige der von Jörns propagierten inhaltlichen „notwendigen Abschiede“ zurückgewiesen werden müssen, ist die Fragestellung an sich weiterführend, man denke etwa an den notwendigen Abschied von diversen Illusionen verschiedener Kirchen über ihr Wesen und ihren Einfluss in der Gesellschaft, über ihre Bibel- und Bekenntnistreue oder ihre missionarische Wirkung in einer säkularen Gesellschaft.

[3] Zur neueren wissenschaftlichen Einschätzung vgl. C. Markschies, „Apostolicum“, RGG I (1998, 4. Aufl.), 648f, die Artikel „Bekenntnis I.-V.“, RGG I (1998, 4. Aufl.), 1246–1264 und F. E. Vokes, „Apostolisches Glaubensbekenntnis I. Alte Kirche und Mittelalter“, TRE 3 (1978), 528–554.

[4] Dies gilt nur für die westlichen Kirchen. In den Orthodoxen Kirchen spielt das Apostolikum nur eine untergeordnete Rolle. Zur neueren wissenschaftlichen Einschätzung vgl. C. Mark-schies, „Apostolicum“, RGG I (1998, 4. Aufl.), 648f, die Artikel „Bekenntnis I. –V.“, RGG I (1998, 4. Aufl.), 1246–1264 und F. E. Vokes, „Apostolisches Glaubensbekenntnis I. Alte Kirche und Mittelalter“, TRE 3 (1978), 528–554.

[5] H. M. Barth, „Apostolisches Glaubensbekenntnis II. Reformations- und Neuzeit“, TRE 3 (1978), (554–566) 558.

[6] Barth, „Apostolisches Glaubensbekenntnis II“, 559.

[7] Barth, „Apostolisches Glaubensbekenntnis II“, 559.

[8] Barth, „Apostolisches Glaubensbekenntnis II“, 562.

[9] Vgl. „Glaubensbekenntnis(se) V.–X.“, TRE 13 (1984), 399–446 und „Apostolisches Glaubensbekenntnis“, TRE 3 (1978), 528–571.

[10] C. Markschies, „Apostolicum“, RGG I (1998, 4. Aufl.), (648f) 649; vgl. die detailliertere Darstellung bei J. N. D. Kelly, Altchristliche Glaubensbekenntnisse: Geschichte und Theologie (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1972) und M. Vinzent, Der Ursprung des Apostolikums im Urteil der kritischen Forschung (Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2005).

 

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