Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2012-1: Editorial

 

Ekkehard Stegemann setzt sich mit Karl Barths Kritik an der historisch-kritischen Kultur in der Universitätstheologie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts auseinander. Barths Römerbrief in der zweiten Auflage von 1922 brachte das auf den Punkt: „Kritischer müssen mir die Historisch-Kritischen sein!“. Stegemann kontextualisiert Barths Metakritik des Historismus auch mit Entwürfen von zeitgenössisch jüdischen Intellektuellen wie Scholem und Benjamin und prüft fallweise, wie kritisch Barths Lektüre des Römerbriefs exegetisch zu beurteilen ist. Schließlich wird an eine der jüngsten Römerbriefauslegungen, der von Klaus Wengst, die Frage gestellt, wie sie Barths Lektüre des Römerbriefs in der eigenen Exegese (auch kritisch) fruchtbar gemacht hat.


Der Aufsatz ist Klaus Wengst, dem emeritierten Bochumer und zuvor Bonner Professor für Neues Testament, zum 70. Geburtstag gewidmet. Klaus Wengst hat die klassische historisch-kritische Tradition in der neutestamentlichen Wissenschaft in vieler Hinsicht fortgeführt und in bedeutsamer Weise in neue kulturelle Kontexte zu stellen vermocht. Genannt sei hier die Erforschung des Zusammenhangs mit der Politik des römischen Imperiums und seiner Herrschaftstheologie. Dieser Ansatz ist heute unter dem Stichwort „Imperiumskritik“ bereits zu einer eigenen Forschungsrichtung geworden. Daneben und vor allem hat Klaus Wengst das Verhältnis des Neuen Testaments zum Judentum als eine neue und wichtige Forschungsaufgabe angesehen, und zwar nicht zuletzt in Kritik an einer traditionellen antijüdischen Profilierung der Schriften des zweiten Teils der christlichen Bibel. Diese wissenschaftliche Arbeit hat Klaus Wengst auch in vielen Kontexten des christlich-jüdischen Gesprächs in kirchlichen und anderen Bereichen engagiert fruchtbar gemacht. Die Leser und Leserinnen von KuI haben einige Kostproben davon in dieser Zeitschrift genießen können. In diesem Heft werden in zwei Rezensionen Neuerscheinungen von Monographien von Wengst vorgestellt. Judith Wipfler bespricht die Monographie „Wie lange noch?“ zur Johannesoffenbarung; Christina Tuor-Kurth rezensiert die Auslegung der Bergpredigt „Das Regierungsprogramm des Gottessohnes“. Herausgeber und Herausgeberinnen grüßen Klaus Wengst zum 70. Geburtstag herzlich. Wir danken ihm, dem hervorragenden Mitstreiter, für sein unermüdliches Engagement und wünschen ihm „auf Hundertzwanzig“.


Barbara Schmitz, die seit einiger Zeit Mitherausgeberin dieser Zeitschrift ist,  publiziert in diesem Heft ihre Antrittsvorlesung als Professorin für Altes Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg. Ihr Aufsatz verbindet eine subtile, auf die Aussagen über die Schöpfung des Menschen fokussierte Exegese der ersten Schöpfungserzählung Gen 1,1-2,3 und von Ps 8 mit deren Rezeptionsgeschichte, die die Menschenschöpfung als „Krone der Schöpfung“ gedeutet hat. Sie zeigt, dass die biblischen Texte selbst diese Deutung nicht nahe legen und erklärt die Entstehung dieser inzwischen sprichwörtlich gewordenen Formulierung aus J.G. Herders Kulturtheorie und Humanitätsidee.


Christoph Stenschke plädiert in seinem Artikel für notwendige Ergänzungen des apostolischen Glaubensbekenntnisses. Er schlägt zur Ergänzung des ersten Artikels, in dem sich die Christenheit zu dem einen Gott bekennt, vor, das Heilshandeln Gottes an seinem Volk Israel zu erwähnen. Im zweiten, christologischen Artikel möchte er die jüdische Identität Jesu von Nazareth und dessen Wirken im jüdischen Land ergänzen und betonen. Stenschke ist realistisch genug, dass seine ergänzenden Formulierungen kaum in das offizielle Formular des Apostolikums aufgenommen werden; doch geht es ihm darum, dass diese notwendigen Ergänzungen in die theologische Reflexion und Verkündigung Eingang finden.


Hans Hermann Henrix ehrt mit einem Nachruf den verstorbenen katholischen Theologen und Protagonisten des jüdisch-christlichen Dialogs Clemens Thoma.


Uwe F. W. Bauer zeigt in seinem kurzen Beitrag den differenzierten Sprachgebrauch des hebräischen Wortes für „Ort“ in Bezug auf Gott auf.


Als „Klassiker der jüdischen Literatur“ stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer diesmal die Tierapokalypse des äthiopischen Henoch-Buches vor, eine antike Universalgeschichte in Miniaturform mit einer besonders reizvollen Eigenart: Alle Akteure verstecken sich unter Pelz, Fell und Gefieder – doch steckt hinter den niedlichen Tierchen alles andere als eine harmlose Geschichte.


In der Rubrik Aktuelles drucken wir einen Artikel des Islamwissenschaftlers Muhammad Sameer Murtaza ab, dessen Anlass die Ermordung von drei französischen Soldaten, eines Rabbiners sowie von drei jüdischen Kindern in Toulouse durch einen islamistischen Attentäter ist. Der Autor weist in aller Klarheit Gewalttaten im Namen des Islam zurück und zeigt religions-historische Hintergründe auf. Daneben erinnert er an historische Beispiele für die enge Verbundenheit und die großen Gemeinsamkeiten von Islam und Judentum.


Die Bücherschau verdanken wir wieder Barbara Schmitz.


Die Herausgeberinnen und Herausgeber

 

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