Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau von Julie Kirchberg

 


Juden in Chemnitz. Die Geschichte der Gemeinde und ihrer Mitglieder. Mit einer Dokumentation des Jüdischen Friedhofs. Hg. Von Jürgen Nitsche und Ruth Röcher im Auftrag der Jüdischen Gemeinde Chemnitz in Zusammenarbeit m. d. Salomon-Ludwig-Steinheim Institut Duisburg und dem Stadtarchiv Chemnitz, Dresden (Verlag Michel Sandstein) 2002 (504 S., 470 Abbildungen, 30 €).

Der großformatige, großzügig gestaltete Bild- und Dokumentationsband setzt – anknüpfende an die Tradition des Memorbuches – den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Chemnitz von der Gründung 1885 bis zur Weihe der neuen Synagoge im Jahr 2002 ein eindrucksvolles Denk-Mal. An exemplarischen Geschichten von Familien aus verschiedenen sozialen Schichten und religiösen Richtungen werden vier Perioden der Gemeindegeschichte lebendig; die Gründungszeit ab Mitte des 19. Jh., die Blütezeit bis 1933, die Zeit der Entrechtung bis 1945 und die Jahrzehnte der DDR-Diktatur. Der erste Teil des Buches gilt der Darstellung des vielfältigen Gemeindelebens mit seinen engagierten Wohlfahrtseinrichtungen, florierenden 47 Vereinen und profilierten Persönlichkeiten, die die sächsische Industriemetropole maßgeblich mit geprägt haben. Der zweite und umfangreichere Teil dokumentiert akribisch den Jüdischen Friedhof; über detaillierte Erforschung der Grabsteine werden die Geschichten der hier bestatteten Familien erschlossen; ein Namenregister – vorläufiges Gesamtverzeichnis der Personen, derer an diesem Ort gedacht wird – erleichtert das Auffinden von Lebensspuren einzelner Gemeindemitglieder: eine wohl nicht nur „für sächsische Gemeinden beispielgebende Publikation“ (Geleitwort OB P. Seifert,9).


„Abraham unser Vater“. Die gemeinsamen Wurzeln von Judentum, Christentum und Islam. Im Auftrag der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen hg. Von Reinhard G. Kratz und Tilman Nagel, Göttingen (Wallstein Verlag) 2003 (189 S., 18 €).

Hier sind Beiträge der Göttinger Ringvorlesung 2002 zur öffentlichen Präsentation des dort neu errichteten Zentrums für semitische Sprachen und Kulturen dokumentiert. Die Vorträge widmen sich der Gestalt Abrahams aus alt- und neutestamentlicher Sicht (H. Spieckermann, E. Aurelius), fragen nach dem historischen Rahmen der biblischen Abrahamserzählung (B. Gronenberg), erschließen Zugänge aus den Quellen von Mari (D. Charpin), dem Jubiläumsbuch (R. G. Kratz), Philo (F. Siegert), Talmud und Midrasch (H.-J. Becker). Die Beiträge des Arabisten Tilman Nagel versehen mit Blick auf „Abraham in Mekka“ und „Deutungen muslimischer Korankommentatoren“ das Wunschbild von einem Konsens der drei „abrahamitischen“ Religionen über ihren Stammvater mit einem beachtenswerten Fragezeichen. Kulturell geprägte Beispiele für eine Abgrenzung gegenüber der biblischen Abrahamsgestalt behandeln die Aufsätze von M. Tamcke über „Deutungen Abrahams in der ostsyrischen Literatur“ und K. Cramer, „Hegel, Hobbes und Spinoza über Abraham“. Das leicht lesbare Buch gibt einen Einblick in die vielgestaltige Forschung des Göttinger Zentrums und lädt ein, die exemplarische Gestalt, auf die drei Religionen sich auf so verschiedene Weise beziehen, näher kennen zu lernen.

 

Veröffentlichungen des Sonderforschungsbereichs „Judentum – Christentum“ an der Universität Bonn: „Jüdische“ und Christliche Sprachfigurationen im 20. Jahrhundert. Hg. Von Asheaf Noor/ Josef Wohlmuth, Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2002 (Studien zum Judentum und Christentum) (206 S., 40 €).

Der erste Band der Reihe der Publikationen des Bonner Sonderforschungsbereichs geht zurück auf ein Symposium, das im Sommer 2000 in Kooperation mit dem Franz Rosenzweig Forschungszentrum Jerusalem durchgeführt wurde. Wie die Verantwortlichen einleitend vermerken, zielt das Konzept der Tagung wie des SoFo insgesamt darauf ab, „,Jüdischesʻ und ,Christlichesʻ so aufeinander zu beziehen, dass die jeweiligen Figurationen in Außen- und Innenperspektive in ein fruchtbares Gespräch gebracht werden können.“ (12). Der Anspruch solcher philosophisch-theologischer Reflexion geht darauf, christlich-jüdische Verhältnisbestimmungen selbst als Problem in den Blick zu nehmen und „aufzuklären“ – im Sinne einer „Phänomenologie der Differenz“ (13). Auf den „Einblick in die zentralen Gedanken der Einzelbeiträge“ durch die Herausgeber und eine kurze Ortsbestimmung von Zwi Werblowsky über „Juden und Christen am Ende des 20. Jahrhunderts“ folgen Beiträge von S. Mosès, B. Waldenfels, H. de Vries und P. Welsen über Lévinas, von B. Casper und F. Albertini zu Rosenzweig und zum hebr. Verständnis von „sein“, von I. Wohlfahrt und W. Hamacher über Benjamin und von E. Gruber über Lyotard. Es geht den AutorInnen darum, wichtige Denker jüdischer Tradition mit Fragen heutiger Auseinandersetzung um „Judentum“ und „Christentum“ in ein kritisch-konstruktives Gespräch zu bringen.


Die „Nervosität der Juden“ und andere Leiden an der Zivilisation. Konstruktionen des Kollektiven und Konzepte individueller Krankheit im psychiatrischen Diskurs um 1900. Hg. von Céline Kaiser/ Marie-Luise Wünsche, a.a.O. 2003 (285 S., 36 €).

Die Beiträge dieses Bandes dokumentieren ein interdisziplinäres Projekt mit medizinhistorischem Fokus. Teil I „Konstruktionen des Kollektiven“ erörtern den Einfluss, den der „Sprung vom Individuellen ins Kollektive“ (9) vor allem unter dem wachsenden Einfluss der Psychiatrie auf das soziale, politische und kulturelle Denken um 1900 genommen hat. Dabei kann gezeigt werden, dass „das Jüdische“ exemplarisch zur Projektionsfläche wird für ein Abgrenzungsbedürfnis, das „den Anderen“ pathologisiert. Teil II „Konzepte individueller Krankheit“ geht mit Blick auf die Genese der Psychosomatik im frühen 20. Jh. Auf die im Kontext von Kollektivkonstrukten ambivalente Rolle einiger ihrer jüdischen Vordenker ein.

 

Die Konstruktion des Jüdischen in Vergangenheit und Gegenwart. Hg. von Michael Konkel/ Alexandra Pontzen/ Henning Theißen, a.a.O. 2003 (239 S., 35,80 €).

Anstelle der Frage nach einem „Wesen des Judentums“ führt der vorliegende Band die Frage ein, wie – mit welchen Verfahren – „das Jüdische“ historisch konstruiert wurde und welche Funktionen in Politik und Kultur solche Konstruktionen erfüllt haben. Die hier versammelten Beiträge zu einer „Funktionsgeschichte der Konstruktion des Jüdischen in der deutschen Kulturgeschichte“ (Einl., 7) konzentrieren sich auf die für das deutsch-jüdische Verhältnis prägende Zeit von Kaiserreich und Weimarer Republik. Sie erörtern zum einen Strukturmuster jüdischer Selbst- und Fremdwahrnehmung, zum anderen den Mutationsprozess der „Leitdifferent“ jüdisch-christlich bis hin zur rassistischen Variante „jüdisch – arisch“ und befragen Formen und Aufgaben von Kollektivsymbolik in verschiedenen Bereichen jüdisch-christlicher Wechselbeziehungen. Inner- wie außerjüdische, philo- und antisemitische Konstrukte werden analysiert als Facetten „in dem vieldimensionalen Traditionsgeflecht, das Judentum und Christentum in wechselseitiger Bezugnahme verbindet“ (10). So zeigt z.B. M. Konkel an vier Standartwerken auf, wie „Geschichte Israels und Judentum in der protestantischen Exegese des 19. Jahrhunderts“ (69-85) konstruiert werden; E. Ballhorn interpretiert die Psalmenauslegung S. R. Hirschs als Selbstportrait jüdischer Neo-Orthodoxie (87-101); P. Ebenbauer erörtert „Jüdische(n) Gottesdienst im Urteil christlicher Theologie“ und schlägt den Bogen zwischen „Konstruktionen und Dekonstruktionen am Beginn und am Ende des 20. Jahrhunderts (223-239).


Henrix, Hans-Hermann: Judentum und Christentum. Gemeinschaft wider Willen?, Regensburg/ Kevelear (Pustet Verlag – Verlagsgemeinschaft Topos plus) 2004 (227 S., 10,90 €).

Kenntnisreich und kompakt bringt der Autor historische Stationen und theologische Positionen christlicher Beziehungen zum Judentum auf den Punkt. Leitmotive seiner Darstellung ist Rosenzweigs Wendung einer „Verbindung von Gemeinschaft und Ungemeinschaft“, präzisiert durch den Hinweis auf strukturelle Asymmetrien, besonders „das strukturelle Gegenüber einer ethnischen, religiösen und landbezogenen Gemeinschaft – das Judentum – zu einer Glaubensgemeinschaft aus den Völkern – die Kirche als ,ecclesiaʻ“ (20). Im 1. Teil benennt  der „Blick auf die Geschichte“ in knapper Skizze wichtiger Epochen „vorrangig eine schwere Last und ein befangenes Langzeitgedächtnis“ und sieht im aktuellen Stand christlich-jüdischer Beziehungen eine „Türöffnung …, die freilich behauptet und stets neu gesichert werden muss“ (81). Im umfangreicheren 2. Teil erschließt Henrix „Theologische Aspekte der ,Verbindung von Gemeinschaft und Ungemeinschaftʻ zwischen Judentum und Christentum. Die exemplarischen Grundfragen sind klug gewählt: Die Frage nach dem Verhältnis von ,Altemʻ und ,Neuemʻ Bund, das Problem des Heils, ,außerhalb der Kircheʻ, die Herausforderung jüdischer Messiashoffnung und die christliche Inkarnationslehre eignen sich besonders dazu, ,das Bandʻ der Kirche mit dem Judentum gerade an Reibungspunkten der Tradition“ freizulegen (84). Als katholischer Theologe, Berater der Deutschen Bischofskonferenz und Mitglied der vatikanischen Delegation in Sachen des Gesprächs mit dem Judentum bezieht sich der Autor vornehmlich auf Dokumente und Verlautbarungen der Katholischen Kirche und akzentuiert die hervorragende Rolle von Papst Johannes Paul II. für die positive Entwicklung der katholisch-jüdischen Beziehungen. Ein „Ausblick“ nennt eine Möglichkeit, diese Beziehungen in „Frömmigkeit und Leben“ zu realisieren: die Nachahmung Gottes. Im Kontrast zu Henrix´ sensibler Darstellung wenig glücklich ist die Bildcollage, die der Verlag für den Bucheinband gewählt hat. Mit Kreuz  und Davidsstern werden hier Klischees bemüht, die das Gegenteil dessen suggerieren, was Autor und Herausgeber mit diesem Buch intendieren.

 

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