Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2004-1: Editorial

 

 

Im ersten Heft des neuen Jahrgangs beginnen wir mit einer neuen Rubrik: „Klassiker der jüdischen Literatur“ von Gabrielle Oberhänsli-Widmer. Hier sollen grundlegende Werke der jüdischen Literatur vorgestellt werden. Wir möchten damit zur Lektüre oder Relektüre dieser texte anregen. Entsprechend verstehen sich die Betrachtungen als eine Art ausführliche Rezensionen zu nicht mehr ganz aktuellen, aber nachhaltig wertvollen und wichtigen Büchern jüdischer Autorinnen und Autoren von der Antike bis zur Moderne.


Das Heft wird jedoch eröffnet von drei Beiträgen zu König David. Die biblische Figur des König David hat über die Epochen nicht nur das religiöse Denken, sondern auch Literatur, Kunst und Musik inspiriert. Auch in unserer Zeit hält die Produktion von David-Literatur ungebrochen an. So widmet der große israelische Lyriker Yehuda Amichai in seinem letzten Gedichtband „Offen – geschlossen- offen“ König David eine breit ausladende Ballade, die hier erstmals ins Deutsche übertragen ist. Einen besonders beeindruckenden Sammelband zu König David haben letztes Jahr der Alttestamentler Walter Dietrich sowie der Germanist Hubert Herkommer unter dem Titel „König David – biblische Schlüsselfigur und europäische Leitgestalt“ herausgegeben. Dieses umfangreiche Werk, das über dreißig Artikel zu Davids Rolle in Religion, Kunst, Kultur und Geschichte enthält, ist in diesem Heft ausführlich rezensiert. Ihre Beschäftigung mit der Übersetzung und mit der Rezension haben Gabrielle Oberhänsli-Widmer schließlich dazu angeregt, das rabbinische David-Bild einer genauen Prüfung zu unterziehen. Ihr Beitrag wartet mit einigen Überraschungen auf, denn gerade die talmudischen Weisen sind dem legendären biblischen König nicht nur mit untertäniger Fügsamkeit begegnet.


Gregor Gumpert beschäftigt sich in einem Essay unter dem Titel „Gottesliebe“ mit Martin Bubers respektvoller, aber kritischer Auseinandersetzung mit der Religionsphilosophie von Hermann Cohen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um ein Spezialissimum der jüdischen Religionsphilosophie, wie man auf den ersten Blick erwarten könnte. Vielmehr geht es um ein grundlegendes religionsphilosophisches Problem. Sichtbar werden nämlich zwei unterschiedliche Möglichkeiten, von dem Gott Israels religionsphilosophisch zu reden. Einerseits, wie Cohen, lässt sich auch der Gott Israels und dessen Sein im Sinne einer Idee denken, andererseits, und darin ist Bubers Kritik an Cohen zusammengefasst, stellt sich angesichts des Gebotes der Gottesliebe an diese Art des Denkens von Gott die Frage: „Wie kann man eine Idee lieben“? Muss nicht das Gegenüber der Liebe zwangsläufig personal gedacht werden? Es geht letztlich um die Unterscheidung von „Erkenntnis2 und „Erfahrung“ Gottes.


Die Basler Musikwissenschftlerin und Judaistin Heidy Zimmermann untersucht in ihrem Beitrag, welche Rolle das Hohelied/ Shir HaShirim in der jüdischen Tradition spielt. Nach einem kurzen Forschungsabriss, der die Frage der historischen Einordnung und die kontroversen Interpretationen skizziert, erörtert der Beitrag die Funktionen des Hoheliedes in der jüdischen Liturgie und besonders seine Sonderstellung in der rabbinischen Auslegungstradition, die es aufgrund weniger einschlägiger Verse als prototypisches Lied gesehen hat. Die starke Präsenz des Hohenliedes im Liedgut der zionistischen Bewegung seit der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts signalisiert dann eine Renaissance im Zeichen säkularer Rezeption, die ihren Ausdruck auch in den umstrittenen avantgardistischen Vertonungen eines Stefan Wolpe fand.

Die Basler Neutestamentlerin Christian Tuor-Kurth beschäftigt sich mit Stellungnahmen zur Aussetzung von neugeborenen in der Antike. Für diese gab gab es in den antiken Gesellschaften des Mittelmeerraumes zwar keine allgemeine gesetzliche Erlaubnis, doch muss man aufgrund der Textquellen davon ausgehen, dass es sich hierbei um eine weit verbreitete und auch weithin gesellschaftlich akzeptierte Praxis handelte. Dieser Befund darf nun aber nicht vernachlässigen, dass mit und seit Aristoteles auch eine namhafte Kritik an der Kindesaussetzung textlich belegt ist. Insbesondere in jüdischen Quellen um die Zeitenwende finden sich ausführliche ethische Reflexionen gegen diese Praxis. Die jüdische Zurückweisung der Kindesaussetzung als eines Vergehens gegen Gott wirkte in den Argumenten der christlichen Apologeten und bei Kirchenvätern nach.


Rolf Rendtorff setzt seine christliche Stellungnahme zu „DABRU EMET“ fort. Diesmal geht er auf jene Thesen des Dokuments ein, die sich mit der christlichen Respektierung des jüdischen Anspruchs auf das Land Israel befassen, sowie mit der These, dass das neue christlich-jüdische Verhältnis die jüdische Praxis nicht schwächt. Zudem behandelt und erläutert er die These, dass der Nazismus kein christliches Phänomen gewesen ist. Sein Aufsatz endet dann mit der letzten These des Dokuments, die Juden und Christen dazu auffordert, sich gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit einzusetzen.


Helga Embacher stellt die Frage, ob es einen neuen Antisemitismus in Europa gibt. Nach ausführlichen Analysen der unterschiedlichsten Äußerungsformen des gegenwärtigen Antisemitismus in Europa meint sie, dass der islamische Antisemitismus insofern als „neuer Antisemitismus bezeichnet werden kann, da es sich um eine Mischung aus Palästinakonflikt, christlichem Antisemitismus und Antiamerikanismus“ handelt, die von einem noch jungen europäischen Islam adaptiert worden ist. Demgegenüber weist nach ihrer Analyse der momentane linke und liberale Antisemitismus, „der sich als Antizionismus geriert“, eine lange Tradition auf. Er passe diese der neuen weltpolitischen Lage (9/11, Irakkrieg) an. Sie warnt im Übrigen davor, die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Antisemitismus in einen Topf zu werfen, ebenfalls vor einem „inflationären“ Gebrauch des Wortes, der zu einer Verharmlosung führen könnte.


Unter unserer Rubrik „Dokumentationen“ bieten wir einen Text von Rabbiner Dr. Walter Homolka zu Standards der Rabbinerausbildung.


Schließlich verdanken wir wieder Julie Kirchberg eine Bücherschau. Link

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