Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau von Julie Kirchberg


Golzio, Karl-Heinz: Basiswissen Judentum, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2.Aufl. 2004 (94 S., 6,95 €).

Vier Jahre nach der Erstauflage (siehe KuI 2.00) ist das Bändchen unverändert abgedruckt – bedauerlicherweise, da Verlag und Autor die Chance zur Präzisierung, Ergänzung und Aktualisierung allzu plakativer Artikel (z.B. zu den Stichworten „Der Staat Israel“ und „Die jüdische Gemeinde“) ungenutzt gelassen haben. Auch „Jüdische Persönlichkeiten“ bilden nach wie vor eine problematisch zusammengesetzte Männergruppe.


Einführung in das Studium der Evangelischen Theologie. Überarbeitete Neuausgabe. Unter Mitarbeit von Friedrich Lemke, Bernd Schröder, Karin Lange und Wolfgang Kraus hg. von Roman Heiligenthal und Thomas Martin Schneider, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2004 (372 S., 19,80 €).

Neu in der überarbeiteten Fassung des Lehrbuches ist vor allem das von Wolfgang Kraus verfasste Kapitel „Judentum“ (79-113). Die Herausgeber tragen damit „der Tatsache Rechnung, dass christliche Theologie ohne die Berücksichtigung ihrer jüdischen Wurzeln nicht denkbar ist, auch wenn das Judentum in den Studien- und Prüfungsordnungen sowie den Lehrplänen nicht immer den Raum einnimmt, der ihm von der Sache her gebührt“ (Vorwort). Vor diesem Hintergrund bietet der Artikel von Kraus statt einer allgemeinen Einführung ins Judentum theologische Argumente für die Relevanz des Themas in christlicher Theologie. Dazu skizziert er in aller Kürze neben der „Vielfalt der Richtungen im Judentum“ einige Themenbereiche, die für christliche Zugänge zum Judentum und für das Verständnis der christlich-jüdischen Beziehung von besonderem Belang sind., u.a. zu den Begriffen „Gottes Erwählung/ Volk Gottes, Torah, Gebete / Gottesdienst / Segenssprüche, Stationen / Feste auf dem Lebensweg eines Juden, Der Tod Jesu und ‚die Juden’, Antijudaismus – Antisemitismus, Land und Staat Israel/ Zionismus“. Anschließend benennt Kraus „Perspektiven des christlich-jüdischen Dialoges“ unter Angabe der wichtigsten kirchenamtlichen Dokumente und auf dem aktuellen Stand der Diskussion. Hilfreich und weiterführend sind die Literaturhinweise im letzten Abschnitt des Artikels, die StudienanfängerInnen einen guten „Apparat“ für vertiefendes Arbeiten an die Hand geben.


Syrische Kirchenväter. Hg. von Wassilios Klein, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2004 (Urban Taschenbücher 587) (256 S., 20,- €).

Dieses handliche Lesebuch gibt Interessierten eine Einführung in die im Bereich der westlichen Christenheit weitgehend unbekannte Tradition der syrischen Kirchenväter des 4. bis 13. Jahrhunderts. Ediert vom Bonner Religionswissenschaftler W. Klein, versammelt das Buch zwanzig Beiträge von PatristikerInnen zu ebenso vielen „Vätern“, die alle im geographisch-kulturellen Großraum des syrischen Orients lebten und wirkten. Für das jüdisch-christliche Gespräch von besonderem Belang ist dieser Raum schon wegen der gemeinsamen Sprache: Das Syrische ist ein aramäischer Dialekt und als solcher nicht nur der Sprache des Judentums zur Zeit Jesu eng verwandt, sondern es ist auch die Sprache der Judenchristen ab dem 2. Jahrhundert. Zudem hat es eine Brücke gebildet zur arabischsprachigen Welt des Islam. Besonders zu erwähnen sind die Aufsätze von Peter Bruns über den persischen Weisen Aphrahat (gest. 345) und dessen „antijüdische Frontstellung“ (31ff.) und von Alfred Friedl über Ephräm den Syrer (gest. 373) (36 ff., besonders 54ff.): „Schließlich war von Anfang an das Judentum als solches ein Negativpol, mit dessen Hilfe man Stabilität, Einmütigkeit und Zustimmung innerhalb der christlichen Gemeinden erreichen konnte, d.h. Antijudaismus wehrte keine jüdischen Angriffe ab, sondern war eine intrinsische Notwendigkeit christlicher Selbstbestätigung (…). Ephräm (…) schreibt (...) für seine christlichen Zuhörer bzw. Leser apologetisch, antagonistisch oder paränetisch über Juden“ (55). Das Buch hilft Anfänge der antijüdischen Diffamierungsgeschichte orten und verstehen.


Wilke, Carsten: „Den Talmud und den Kant“. Rabbinerausbildung an der Schwelle zur Moderne, Hildesheim (Georg Olms Verlag) 2003 (Netiva. Studien des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts Bd. 4) (726 S., 69,- €).

Die judaistische Monographie befasst sich mit dem Paradigmenwechsel in der Rabbinerausbildung vom Ende des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Autor fragt nach „Heimstätten und Übermittlungswegen der rabbinischen Lehre (…) vor und neben den bekannten Rabbinerseminaren“ (9). Er beschreibt „ein Laboratorium von Bildungslaufbahnen“, in welchem sich das Ringen einer traditionell rabbinisch geprägten Judenheit mit den widersprüchlichen Anforderungen der Moderne in nuce spiegelt. „Der ‚Doktor-Rabbiner’, in dem sich Züge des Geistlichen, des historisch-philologischen Wissenschaftlers und des rechtsgelehrten Talmudisten zu einer ebenso schillernden wie soliden Akademikerpersönlichkeit vereinen, ist eine Schöpfung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“ (ebd.). – Wilke stellt im 1. Teil seiner Studie „das Talmudstudium des vormodernen Diasporajudentums“ dar und würdigt es „als eine kulturelle Schöpfung von beachtlicher Komplexität und historischer Beweglichkeit“ (10). Auf der Grundlage einer differenzierten historischen Analyse ortet er im 2. Teil präzise „die inhaltlichen, methodischen und organisatorischen Modernisierungsansätze des rabbinischen Studiums“ und stellt im 3. Teil plausibel dar, „wie auf dem Hintergrund eines völlig gewandelten kulturellen Ho­rizonts von jüdischer Gemeinde und Rabbinerschaft neue Institutionsgefüge Fuß fassen konnten“ (ebd.). Eckdaten von Wilkes Studie sind das josephinische Schuledikt von 1781 mit seiner impulsgebenden Wirkung auf die innerjüdische Bildungsdiskussion und das Jahr 1854 mit der Gründung des Jüdisch-theologischen Seminars Breslau. Als grundlegendes Paradox der Rabbinerausbildung arbeitet Wilke heraus, dass „eine ihre historischen Überlieferungen verlierende Gesellschaft ihre religiöse Elite als Exponenten nicht nur ihrer Gegenwartskultur, sondern auch der geistigen Leistung der Vergangenheit benötigte und benötigt“ – eben den Talmud und den Kant (684). – Die sehr umfangreiche Arbeit muss LeserInnen, die vor ihrem Detailreichtum nicht zurückschrecken, als ausgesprochen spannende Lektüre empfohlen werden. Bleibt zu wünschen, dass diese profunde Erschließung eines nur scheinbar entlegenen Gegenstands die interdisziplinäre Beachtung findet, die sie verdient und die politische Diskussion um die gegenwärtige Rabbinerausbildung zu befruchten vermag.


Rutishauser, Christian M.: Josef Dov Soloveitchik. Einführung in sein Denken, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2003 (Judentum und Christentum Bd. 14) (288 S., 30,- €).

Die Dissertation (Luzern 2002) will „als erste deutschsprachige Gesamtdarstellung“ zu Leben und Werk von Josef Dov haLevi Soloveitchik (geb. 1903 – gest. 1993) „die Leitfigur der amerikanischen Modern Orthodoxy (…) zugänglich machen“ (Vorwort, 11). Soloveitchiks Reden und Schriften beurteilt Rutishauser als „ein profundes und repräsentatives Leitbild für ein orthodoxes Leben unter den Bedingungen der Moderne“ (ebd.).

Ausgehend von einer biographischen Skizze (i) referiert der Autor (ii) „Religionsphilosophische Grundgedanken“ Soloveitchiks und stellt Dimensionen seines Verständnisses von „halachischer Existenz“ dar (iii-v). Unter dem Titel „Soziale Konkretionen“ zeichnet Rutishauser nach, wie Soloveitchik sein Konzept zu Reformjudentum, Zionismus und christlich-jüdischem Dialog in Beziehung setzt bzw. demgegenüber abgrenzt. Das Buch kann vielleicht als Einführung gelten, den Anspruch einer „Gesamtdarstellung“ löst es aber keinesfalls ein. Dazu ist schon die religionsphilosophische Einordnung nicht angetan. Hier wird in einem einzigen Satz ohne nähere Begründung und ohne Rekurs auf dessen Dissertation über Cohen die „Originalität“ von Solo­veitchik gegenüber „einige(n) Intellektuelle(n)“ behauptet, die per Fußnote folgendermaßen klassifiziert werden: David Flusser und Schalom Ben-Chorin seien Verfechter eines historisch-kritischen Denkansatzes, während Leo Baeck und Hermann Cohen „ausschließlich an den Kategorien der Philosophie“ orientiert und Franz Rosenzweigs „Ausführungen zum jüdischen Selbstverständnis in der Liturgie verankert“ seien (13). Die Schieflage einer solchen Kategorisierung liegt auf der Hand. Entsprechend schlicht fällt die Erörterung von Soloveitchiks Auseinandersetzung mit der Moderne aus, so dass das „Gesamtbild“ argumentativ auf schwachen Füßen steht.


Surall, Frank: Juden und Christen – Toleranz in neuer Perspektive. Der Denkweg Franz Rosenzweigs in seinen Bezügen zu Lessing, Harnack, Baeck und Rosenstock-Huessy, Gütersloh (Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus) 2003 (392 S., 39,95 €).

Die Dissertation (Bonn 2001) geht der Rosenzweigschen Verhältnisbestimmung von Juden- und Christentum in deren philosophisch-theologischem Kontext nach und konzentriert sich dabei auf den Toleranzbegriff. Die Untersuchung zielt darauf ab, „eine Begründung äußerer inhaltlicher Toleranz gegenüber dem Judentum aus christlich-theologischer Perspektive“ zu ent­wickeln (33). So umreißt die Einleitung historische und systematische Dimensionen des Begriffs, Kap. 2 stellt die „Toleranz Lessings (! – die Rede ist von Begründung und Konzeption des Begriffs bei Lessing) in Grundzügen dar und gewinnt daraus einen „Orientierungsrahmen“ für die Toleranzdiskussion im 3. Kapitel anhand der Kontroverse Adolfs von Harnack mit Leo Baeck. Der Verfasser kritisiert an den bei Lessing, von Harnack und Baeck angetroffenen Bestimmungen des christlich-jüdischen Verhältnisses ein „reduktives Toleranzmodell“, das bei von Harnack zu einem Ineinander von formaler Toleranz und inhaltlicher Intoleranz führe. Demgegenüber findet er bei Rosenzweig, insbesondere in dessen Briefwechsel mit Eugen Rosenstock-Huessy, ein „komplementäres Toleranzkonzept“ als Alternative vor (Kap. 4). Kap. 5 erwägt abschließend, „inwieweit Rosenzweigs Bestimmung des Verhältnisses von Judentum und Christentum noch für die heutige Begegnung von Juden und Christen hilfreich sein kann: „Ob sich Judentum und Christentum tatsächlich als in einem komplementären Verhältnis zueinander stehend begreifen und die darin jeweils zugewiesene Rolle für sich akzeptieren können, sollte dem jeweiligen Selbstverständnis von Juden und Christen überlassen werden“ (333). Von Rosenzweig her kann Surall Perspektiven eines Toleranzverständnisses aufzeigen, das in die aktuelle Diskussion um den interreligiösen Dialog klärende und kritische Impulse hineingibt.


Nowak, Kurt: Kirchliche Zeitgeschichte interdisziplinär. Beiträge 1984-2001. Hg. von Jochen-Christoph Kaiser, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2002 ( Konfession und Gesellschaft Bd. 25) (504 S., 40,- €).

Ursprünglich als Festschrift konzipiert, erschien dieses Buch zum 60. Geburtstag in memoriam für den Leipziger evangelischen Kirchenhistoriker Kurt Nowak (1942-2001). Der Band versammelt Aufsätze und Vorträge Nowaks aus den letzten fünfzehn Jahren und enthält eine Bibliographie seiner Arbeiten aus den Jahren 1971-2001. Unter den sieben Kapiteln des Buches weist Kap. 3 „Judaica“ aus: Die Studie „Judenpolitik in Preußen“ erörtert die Bedeutung einer Verfügung Friedrich Wilhelms iii. von 1821 (143-163). Der Vortrag „Protestantismus und Judentum im Deutschen Kaiserreich“ gibt einen aktuellen Forschungsbericht, der zugleich Nowaks letzte wissenschaftliche Studie und hier erstmals veröffentlicht ist (164-185). Zwei weitere Arbeiten befassen sich mit der NS-Judenpolitik im Blick auf „christliche Nichtarier“ (186-202) und mit dem Antisemitismus deutsch-christlicher Kirchenpolitik im Dritten Reich (203-219). Damit sind Forschungsschwerpunkte Nowaks benannt, die auch in früheren, durch die Bibliographie ausgewiesenen Veröffentlichungen des Theologen und Zeithistorikers nachvollzogen werden können.


Trepp, Leo: Der jüdische Gottesdienst. Gestalt und Entwicklung, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer), 2., erweiterte Auflage 2004 (360 S., 32,- €).

Zwölf Jahre nach dem ersten Erscheinen ist diese Einführung wieder verfügbar – ergänzt um das Kapitel „Gebete der Frauen“ (293-324; Register: 357f.). Hierin nimmt die ausführliche Würdigung von Marcia Falk’s Sefer Ha-Berachot – The Book of Blessings (hebr. 1996) den meisten Raum ein (311-324). Das Buch ist nach wie vor eine solide und materialreiche Hilfe, um Aufbau und Entwicklung jüdischer Gebetstradition, synagogaler und häuslicher Gottesdienste sowie Gebetbücher verschiedener Richtungen des Judentums kennen zu lernen. Ein ausführliches Register erschließt vielfältige Dimensionen des Themas. Bedauerlicherweise wurde, außer für das „Frauenkapitel“, selbst im Literaturverzeichnis die – in einschlägigen Publikationen zum Thema dokumentierte – Entwicklung der letzten fünfzehn Jahre nicht berücksichtigt.


Bieler, Andrea: Die Sehnsucht nach dem verlorenen Himmel. Jüdische und christliche Reflexionen zu Gottesdienstreform und Predigtkultur im 19. Jahrhundert, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2003 (224 S., 25,- €).

Die Autorin, von Göttingen an die Pacific School of Religion in Berkeley/ Kalifornien gewechselt, unternimmt mit dieser Studie einen systematischen Vergleich jüdischer und christlicher Homiletik und Liturgik des 19. Jahrhunderts. Sie erörtert Praxis und Theoriediskussion von jüdischer und evangelischer Liturgie im deutschsprachigen Raum angesichts der Herausforderung der Moderne. Die Einleitung bietet einen wenig differenzierten Überblick über den Stand der Forschung und eine allzu schlichte methodologische Grundlegung der Begriff der Moderne bzw. der Modernität wird nur sehr skizzenhaft angerissen. Als jüdische Quellen zieht Bieler Texte prominenter Prediger und Rabbiner des 19.Jhs. heran, ohne die Auswahl und deren Anordnung weiter zu begründen. Diese systematischen Mängel beeinträchtigen das angezielte Ergebnis nicht unerheblich. Gleichwohl zeigt die Autorin auf, wie jüdische Akkulturationskonzepte, christliche und jüdische Gottesdienstreformen, homiletische Reflexionen und Predigtkulturen sich „im Horizont der Modernitätskonflikte“ ausnehmen. Erkennbar werden „die Nähen zwischen frühen jüdischen Reformern und späten evangelischen Aufklärern sowie zwischen späten jüdischen Reformern und frühen protestantischen liberalen Theologen“ (199). Der Buchtitel – einer Predigt von Leopold Zunz entlehnt kann als gemeinsamer Nenner der hier analysierten Auseinandersetzungen gelten.


Haarmann, Michael: „Dies tut zu meinem Gedenken!“ Gedenken beim Passa- und Abendmahl. Ein Beitrag zur Theologie des Abendmahls im Rahmen des jüdisch-christlichen Dialogs, Neukirchen-Vluyn (Neukirchener Verlagshaus) 2004 (386 S., 29,90 €).

Die Dissertation (Wuppertal 2003) „will zeigen, dass sich für das christliche Abendmahlsverständnis weitreichende Konsequenzen ergeben, wenn der jüdische Kontext des Abendmahls, das Passamahl, ernst genommen wird“ (35). Biblisch-jüdische Wurzeln und das Gespräch mit zeitgenössischem Judentum können nicht zuletzt für die kontroversen Aspekte der Abendmahlsfrage im innerchristlichen Gespräch neue Horizonte erschließen. Unter dieser Leitperspektive referiert der Autor nach einem kurzen Blick auf „Abendmahl und Passa im Neuen Testament“ das Verständnis von Gedenken im Alten Testament, in zwischentestamentlicher Zeit, in jüdisch-liturgischer Tradition (Pessach-Haggada), im zeitgenössischen Judentum („Stimmen der Gegenwart“: Y.H. Yerushalmi, A.H. Friedlander, J. Magonet) und im Neuen Testament. Diese Befunde setzt Haarmann in Beziehung zu systematischen Positionen evangelischer Abendmahlstheologie im 20. Jahrhundert: in synodalen Erklärungen von Barmen 1934 bis Lima 1982, bei Max Thurian, Karl Barth und Jürgen Moltmann. In einem Exkurs setzt er sich mit der Habilitation von Sigrid Brandt, Opfer als Gedächtnis (Münster 2001) auseinander. Schließlich resümiert Haarmann Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Passa- und Abendmahl in ihrer jeweiligen Bedeutung als „Mahlfeiern des Gedenkens“ und entfaltet das christliche Verständnis anhand der Formel „Das Gedenken/ des Christus Jesus/ im Abendmahl der Gemeinde/ zur Ehre Gottes“. Die umfang- und detailreiche Arbeit ist übersichtlich angelegt, ihre These dadurch recht gut nachvollziehbar, wenn auch in der Sache nicht neu: „Aus dem Zusammenhang von Abendmahl und Passamahl ergibt sich ein Verständnis des Gedenkens, das für die Abendmahlsdiskussion grundlegend und weiterführend ist (13). (…) Deshalb greift ein theologischer Diskurs über das Abendmahl, der ausschließlich innerhalb des Christentums geführt wird, zu kurz – auch wenn er zu einer gegenseitigen Annäherung der beteiligten Kirchen führen sollte“ (15). Dennoch – oder eben darum – irritiert, dass die erklärte dialogische Absicht im Gang der Arbeit nicht eingelöst wird. So sollte im christlich-jüdischen Gespräch die Verwendung der hebräischen Grundbegriffe sich von selbst verstehen (Pessach statt Passa); die Basis des jüdischen Referenzmaterials müsste differenzierter sein, die Auswahl „jüdischer“ Stimmen wäre genauer zu begründen. Stattdessen entsteht stellenweise der Eindruck, dass hier nur wiederum eine – wenn auch positiv gefärbte – jüdische Folie für die Profilierung einer christlich-theologischen Position herhalten soll. Und auch der interkonfessionellen Diskussion, die zu befruchten sich diese Arbeit ja anschickt, wäre mehr gedient gewesen, hätte der Autor sich die Mühe nicht erspart, relevante katholisch-theologische Beiträge und katholisch-jüdische Diskurse zum Thema in seine Studie einzubeziehen.


Der Gottesdienst im christlich-jü­dischen Dialog. Hg. im Auftrag des Zentralvereins für Begegnung von Christen und Juden und von BJC. Bayern von Alexander Deeg unter Mitarbeit von Sabine Bayreuther, Hans-Jürgen Müller und Axel Töllner, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2003 (240 S., 19,95 €).  

Dieses Arbeitsbuch versammelt 70 „Liturgische Anregungen und Reflexionen zu den Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres“. Sie wollen nach den Worten des bayerischen ev.-lutherischen Landesbischofs Johannes Friedrich beitragen, zu dem „Ziel, zu einer liturgischen Gestaltung des Gottesdienstes in der Gegenwart Israels hinzuführen, die sich nicht darin erschöpft, gegenseitige Rücksichtnahme zu üben, sondern neue und wichtige Zugänge eröffnet“ (Geleitwort, 9). Die Herausgeber legen Wert darauf, die Beiträge als individuelle und experimentelle Betrachtungen „auf der Suche nach einer neuen liturgischen Sprache“ „in Israels Gegenwart“ zu präsentieren (Vorwort, 11). Dementsprechend unterschiedlich sind die vorgeschlagenen Zugänge und gewählten Textarten. Gemeinsam ist den AutorInnen das differenzierte Verständnis des Leitkriteriums: „Israels Gegenwart“ meint zum einen die Präsenz der jüdischen Gebetsgemeinde im Nebeneinander zur christlichen, zum andern die Präsenz „Israels“ innerhalb des christlichen Gottesdienstes in dreifacher Dimension: im tanach, in hebräischen Gebetsrufen und in der theologischen Verwiesenheit durch den Christus Jesus auf den Gott Israels, im bleibenden Bezug des Christentums auf das Judentum. „’Israels Gegenwart’ ist so kein von außen herangetragenes Kriterium, das man zusätzlich bedenken könnte - oder auch nicht. Es prägt die Binnenhermeneutik christlichen Gottesdienstes“ (Vorwort, 13). Die Impulse zu den einzelnen Sonntagen wollen besonders dazu anregen, die Wechselbeziehungen zwischen den liturgischen Tagestexten zu entdecken und für die Wahrnehmung und Würdigung von „Israels Gegenwart“ fruchtbar zu machen. Jeder Beitrag nimmt in fünf Schritten zunächst (1.) grundsätzlich die Liturgie des Tages in den Blick, zeigt dann (2.) das „Spannungsfeld der Texte“ auf, benennt (3.) „Stolpersteine“ und Lösungsvorschläge im Blick auf das Leitkriterium, zeigt (4.) Chancen der vorgefundenen liturgischen Agende auf und kommt (5.) zu „Konkretionen“ für die praktische Gottesdienstgestaltung durch ausgewählte oder auch selbst formulierte Texte. Ein mutiger, wenn auch nicht immer überzeugend gelungener Versuch, das diffizile christlich-jüdische Verhältnis im zentralen Binnenraum christlicher Selbstverständigung zu „erden“ und mit neuem Leben zu erfüllen.


Brandt, Henry G.: Freude an der Tora – Freude am Dialog. Hg. von Manfred Keller und Andreas Nachama, Bochum (Kamp Verlag) 2002 (239 S., 20,-  €).

Zum 75. Geburtstag des Landesrabbiners von Westfalen-Lippe sind hier unter den zwei Leitperspektiven des Buchtitels Aufsätze, Predigten und Ansprachen des Jubilars zusammengetragen. Ergänzt durch Skizzen jüdischer und christlicher WeggefährtInnen, zeigen die Beiträge das breite Spektrum von Brandts Wirken als eines engagierten Rabbiners, einer führenden Persönlichkeit im jüdisch-christlichen Dialog (besonders als jüd. Vorsitzender des Deutschen Koordinierungsrates für christlich-jüdische Zusammenarbeit) und eines Vertreters des liberalen Judentums in Deutschland nach der Schoah. Das Buch vermittelt das sympathische Portrait eines Menschen, dem das Lehren und Tun der Tora gleichermaßen am Herzen liegen.


Lesarten des jüdisch-christlichen Dialoges. Festschrift zum 70. Geburtstag von Clemens Thoma. Hg. von Silvia Käppeli, Bern (Peter Lang) 2002 (Judaica et Christiana 20) (369 S., 47,60 €).

An die dreißig christliche und jüdische AutorInnen ehren Clemens Thoma in dieser Festschrift mit „Lesarten des Dialogs“ aus verschiedenen, vor allem theologischen Disziplinen. Thoma hat sich als katholischer Pionier einer „christlichen Theologie des Judentums“ im christlich-jüdischen Gespräch vor allem im deutschsprachigen Raum hohe Verdienste erworben, u.a. durch die Gründung des Instituts für jüdisch-christliche Forschung an der Universität Luzern. Die Vielfalt seines Wirkens spiegelt nicht zuletzt das Werkverzeichnis im Anhang. Das Buch bietet „eine wegweisende Sammlung eloquenter, zumeist wissenschaftlicher Artikel“ (Käppeli, 11) aus der internationalen Werkstatt christlich-jüdischer Dialogarbeit.


„Eine Grenze hast Du gesetzt“. Edna Brocke zum 60. Geburtstag. Hg. von Ekkehard W. Stegemann, Klaus Wengst, Stuttgart (Kohlhammer Verlag) 2003 (Judentum und Christentum 13) (442 S., 35,-  €).

Diese Festschrift weist schon im Titel einen dezidiert gesetzten Fokus auf: „Das Motto nimmt das Lob der Grenze auf, das Edna Brocke unter uns angestimmt hat …“(Vorwort, 7). Rund dreißig Beiträge, zumeist von TheologInnen und JudaistInnen, diskutieren (i) „Aktuelles zum Dialog“, (ii) „Grundfragen des Dialogs“, greifen (iii) „Die Bibel und ihre weiteren Traditionen“ in Einzelfragen auf , erörtern unter (iv) „Historische Themen“ Judaica und bringen (v) „Grenzerfahrungen und Grenzfälle“ zur Sprache. In den Aufsätzen ihrer KollegInnen, SchülerInnen und anderer Gesprächspartner sowie im angefügten Schriftenverzeichnis tritt E. Brockes Profil als hochgeschätzte „jüdische Stimme“ in christlich-jüdischen Dialogorganen der großen Kirchen, Leiterin der Alten Synagoge Essen, Lehrbeauftragte und Publizistin – last not least als Mitherausgeberin von „Kirche und Israel“ – eindrucksvoll in den Blick.


Zitatenschatz der Weltreligionen. Zentrale Aussagen und Begriffe aus Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus. Hg. von Detlef Fischer, Münster (Aschendorff Verlag) 2003 (464 S., 24,- €).

Das Buch ist ein Florilegium von Zitaten quer durch religiöses und literarisches Schrifttum des Morgen- und Abendlandes, in Auswahl und Zuordnung anregend, aber von einer oft verblüffenden Beliebigkeit. Man nehme z.B. das Stichwort „Erinnerung“ (J – für „jüdisch“!), wo allenfalls das erste, ein Bibelzitat (Sir 7,27) mit Religion zu tun hat; unter C (für „christlich“) trifft sich Thomas von Aquin mit Hermann Hesse. Kurios bis problematisch auch die Zuordnung von Namen: da wird im Autorenverzeichnis Katharina von Siena als „katholische Heilige“ identifiziert, Arthur Schnitzler firmiert im Text unter „J“, im Verzeichnis denn doch nur als „Arzt und Schriftsteller“; Kishon kommt vor („israelischer Schriftsteller, Satiriker“), Cohen fehlt, usw. Eine bisweilen unterhaltsame Lektüre von vielfältigst Zusammengelesenem, die jedoch in keiner Weise dem Anspruch genügt, „Zentrale Aussagen und Begriffe“ zu erschließen.

 

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