Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Heft 2004-1: Editorial

 

Aus Anlass des 800. Todestages widmet Kirche und Israel Rabbi Moshe ben Maimon, rambam, genannt Maimonides (1135-1204), in diesem Heft einen zentralen Platz. Er repräsentiert eine Epoche, in der das Judentum in enge Berührung mit der Philosophie und damit zugleich mit dem christlichen und islamischen Denken kam. Eine grundlegende Voraussetzung dafür war die „Wiederentdeckung“ der Philosophie des Aristoteles, die in dieser Zeit durch den spanischen Philosophen Averroës (Ibn Rushd 1126-1198) auf dem Umweg über das Arabische in der abendländischen Philosophie und Theologie bekannt wurde.

Maimonides war Arzt, Philosoph und Theologe. In Cordoba geboren, musste er schon als Kind mit der Familie seine Heimat verlassen, als die fanatische islamische Gruppe der Almohaden ganz Spanien in ihre Gewalt brachte. Nach einem Zwischenaufenthalt in Fez gelangte er schließlich nach Kairo. Dort wirkte er als Arzt, wurde Hofarzt des Kalifen und erlangte großen politischen Einfluss. Zugleich entwickelte er seine Bemühungen, in Auseinandersetzung mit Aristoteles das jüdische Denken mit der Philosophie zu konfrontieren. Damit begründete er eine neue Epoche der nachbiblischen jüdischen Tradition.

Es sind vor allem zwei Werke, die in der Folgezeit nachgewirkt haben und mit denen der Name Maimonides seither verbunden ist. Das eine zeigt ihn als traditionsbewussten Juden, der es in seinem Werk Mischneh Torah (wörtlich: Wiederholung der Tora) unternimmt, den ganzen kasuistischen Traditionsstoff systematisch zu ordnen. Das andere Werk mit dem Titel More Newuchim (Führer der Unschlüssigen) legt dar, dass jüdische Tradition und jüdisches Denken mit der Philosophie in Einklang zu bringen sind. Dieses Werk schrieb Maimonides auf arabisch (dalalat al-hairin), es wurde aber schon 1240 ins Lateinische übersetzt (von Al Charisi). Seither beherrschen die von ihm gewonnenen Einsichten und aufgezeigten Denkwege in Zustimmung und Widerspruch das jüdische Verhältnis zur Philosophie.

Drei Artikel dieses Heftes setzen sich mit Maimonides auseinander. Francesca Albertini beschäftigt sich mit dem Problem des Verhältnisses von Gesetz, Gemeinde und der kommenden Welt auf der Basis eines Abschnitts der Mishneh Torah. Sie legt ihr Augenmerk auch auf das Interesse des Maimonides, die Lehre des Talmud, was die Anwendung und die Hermeneutik des Gesetzes betrifft, mit dem Koran in Einklang zu bringen. In seinem Aufsatz zum „Sinn der Gebote“ diskutiert Amos Funkenstein den Beitrag von Maimonides zu dieser innerhalb des Judentums viel verhandelten und interessanten Frage. Er macht unter anderem darauf aufmerksam, dass Maimonides nicht nur eine neue Antwort auf eine alte Frage geben wollte, sondern versucht hat, die Frage selbst zu hinterfragen. Also: Was bedeutet die Frage nach dem Sinn der Gebote. Ludger Jansen bringt in seinem Aufsatz zwei der herausragendsten mittelalterlichen Gestalten zusammen, nämlich Thomas von Aquin und Maimonides. Er macht auf mehrere Punkte der Bedeutung des Werkes von Maimonides für Thomas aufmerksam. Maimonides ist für ihn zum Beispiel ein wichtiger Informant für die jüdische Deutung und Begründung von Torageboten, er ist aber auch Quelle für Meinungen des Islam und Thomas natürlich als „Aristoteliker“ willkommen.


Der Artikel „Das Böse an Kains Tür“ von Gabrielle Oberhänsli-Widmer ist ein Beitrag zur Thematik der Theodizee, zur Verantwortlichkeit Gottes gegenüber dem Bösen in der Welt, welche die jüdische Traditionsliteratur immer wieder und an zahlreichen Figuren reflektiert hat: biblisch am „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, frühjüdisch an den „gefallenen Engeln“, rabbinisch am „bösen Trieb“, kabbalistisch an der „anderen Seite“ – um nur ein paar Beispiele zu nennen. In diesem Kontext hat die Erzählung von Kain und Abel die jüdischen Weisen über die Epochen ganz besonders beschäftigt, denn nicht nur der Grund für Kains tödliche Handlung bleibt seltsam im Dunkeln, vielmehr noch spielt Gott im ersten Totschlag der Menschheitsgeschichte eine zwielichtige Rolle. Verfolgt man die Antworten, die Rabbinen und Poeten auf diese Fragen geben, so begibt man sich auf den Weg einer spannungsvollen Wirkungsgeschichte, die in der Genesis ihren Ausgangspunkt nimmt und bis in unsere Tage führt.


Der umstrittene, gleichwohl in den USA, aber auch andernorts höchst erfolgreiche Film von Mel Gibson „The Passion of the Christ“ wird in drei kurzen Beiträgen  aus dem Herausgeberkreis (Ekkehard W. Stegemann, Gerhard Bodendorfer, Hans Hermann Henrix) thematisiert. Es zeigt sich, dass trotz  manchem Konsens in der kritischen Beurteilung von dem evangelischen Theologen  nur scharfe, während von den beiden katholischen Theologen noch andere Töne angeschlagen werden.


Aus Anlass des 100. Todestages von Theodor Herzl (3. Juli 1904 / 20. Tamus 5664) hat das Institut für Jüdische Studien der Universität Basel am 28. und 29. Juni 2004 ein Symposion veranstaltet, das dem Thema „Israel – Visionen und Wirklichkeiten“ gewidmet war. Der bemerkenswerte Beitrag der renommierten israelischen Zionismushistorikerin Anita Shapira, den wir hier in deutscher Übersetzung abdrucken, zeigt die zum Teil bitteren Ironien auf, die nach Herzls Tod die Geschichte der zionistischen Bewegung und des Staates Israel bis heute begleiten. Nicht zuletzt die unerwiderte Liebe Herzls zu Europa, die für Herzl nicht vorstellbare Tatsache, dass der „Judenstaat“ nicht nur der Judenfeindschaft kein Ende machte, sondern zum Anlass genommen wurde, eine neue, nun auf den Staat selbst gerichtete Feindschaft zu kreieren, machen diese Ironien und ihre Bitterkeit aus. Auch der Beitrag zur Eröffnung des Symposions von Ekkehard W. Stegemann wird hier abgedruckt. Ein weiterer, der sich mit Herzls utopischer Schrift Altneuland beschäftigt, wird im nächsten Heft folgen.


Schließlich verdanken wir wieder Julie Kirchberg eine Bücherschau.  Link


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