Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Buchbesprechung: Christian Strecker

Ekkehard W. Stegemann: Paulus und die Welt – Aufsätze.
Ausgewählt und herausgegeben von Christina Tuor und Peter Wick, Zürich (tvz) 2005 (308 S., 22,50 €).


„Antworten zeitigen Fragen“. Dieses Diktum Stegemanns, formuliert auf S. 111 in dem angezeigten Band, kennzeichnet treffend den Geist, mit dem sich der Baseler Neutestamentler dem Völkerapostel nähert. Paulus’ vielschichtige Antworten auf die von ihm als Äonenwende erlebte Gegenwart werden hier nicht nur lehrreich interpretiert, sondern auch hinterfragt.

Der Aufsatzband enthält insgesamt 17 Beiträge aus den Jahren 1980 bis 2005, die zum 60. Geburtstag Stegemanns von zwei seiner Schülerinnen und Schüler neu herausgegeben wurden. Unter den Überschriften „Paulus im Kontext von Judentum und Neuem Testament“, „Römerbrief und Weltdeutung“ und „Ausblick“ werden sie, versehen mit einem Geleitwort und einer Hinführung seitens der Herausgeber, erneut zur Diskussion gestellt. Stegemann durchmisst darin ein weites Feld. Er wirft einen kritischen Blick auf die klassischen antijüdischen Paulusauslegungen, bietet innovative exegetische Anstöße zum Verständnis von 2 Kor 3 und 1 Thess 2,14-16, beschreibt die Prozesse der frühchristlichen Identitätsbildung, verortet Paulus (ebenso Lukas und Justin) im Kontext der sokratischen Tradition, charakterisiert das paulinische und das neutestamentliche Zeitverständnis insgesamt als „mythische Dramatisierung der Gegenwart als Endzeit“, reflektiert über die Bedeutung des Leibes und der Inkarnation im Christentum im Vergleich zur Exkarnation im Judentum, geht den Anfängen des Christusglaubens in Rom und den Beziehungen zwischen Christusglauben und römischer „Zivilreligion“ nach, gibt einen Einblick in die Arbeit an seinem Römerbriefkommentar, widmet sich in mehreren Beiträgen zumal dem Verständnis von Röm 9-11, durchleuchtet das Verhältnis von Christentum und Humanismus und bettet die paulinische Antihomosexualität mentalitätsgeschichtlich in den antiken Sexualitätsdiskurs der griechisch-römischen und jüdischen Welt ein.

Was die diversen Beiträge verbindet, sind u.a. folgende vier Aspekte: (1.) Stegemann verankert die Botschaft des Apostels konsequent in der jüdischen Apokalyptik, die Paulus freilich weiterführte, indem er die Gegenwart als Endzeit dramatisierte. (2.) Gegenüber der new perspective on Paul, die das heilsgeschichtlich-ethnische Thema des Einschlusses der Nichtjuden ins Heil des Gottesvolkes und nicht die Frage nach dem Heil des Menschen als Mittelpunkt der paulinischen Rechtfertigungslehre bestimmt (vgl. dazu KuI 1/1996), hält Stegemann am Primat der Anthropologie fest. Es ginge Paulus im Kern darum, „daß die in den neuen Äon geretteten Gerechten zu Wesen verwandelt werden, die durch die Negativitäten der ‚ersten‘ Schöpfung, Begierde/Fleisch, Sünde und Tod, nicht mehr bestimmt sind“ (129). (3.) Für Stegemann steht fest: „[W]er Paulus und seine Apokalyptik verstehen will, darf den Apostel nicht gegen das Judentum ausspielen“ (304). Umso eindrücklicher sind die immer wieder formulierten Problematisierungen bestimmter Motive und Vorstellungen der jüdischen Apokalyptik wie auch des Völkerapostels samt des Christentums selbst. So kritisiert Stegemann die gefährliche Zerstörungslogik der Apokalyptik und deren „fundamentalistische[s] Spiel ... mit der Ausrottung der menschlichen Spezies“ (139). Er wendet sich gegen die „Differenzfeindlichkeit“ des paulinischen Entwurfs einer in der Erlösung vereinten und verwandelten Menschheit (147). Und er spricht von einem „doppelten Scheitern“ der Identitätsentwürfe des Christentums, insofern die frühchristlichen apokalyptisch-esoterischen Hoffnungen auf die Überwindung der Negativitäten der Endlichkeit mit der Ankunft des Christentums in der Geschichte unerfüllt blieben und das Christentum neben „Humanität und Befreiung“ eben auch „Barbarei und Unterdrückung“ bedeutete (92). Überhaupt läge das Christentum als historische Größe jenseits dessen, was Paulus als Konzeption entworfen habe. Daher gelte: „Es geht darum wohl nicht anders als so, daß sich das Christentum mit sich selbst als einer geschichtlichen (und eben nicht endzeitlichen) Größe identifiziert, partikular zu bleiben als sein geschichtliches Schicksal begreift, damit aber auch die Partikularität und Endlichkeit, die Irrtumsfähigkeit aller menschlichen, zeitlichen Entitäten teilend“ (219). (4) Spannend ist, wie es Stegemann immer wieder gelingt, zentrale Aussagen des Völkerapostels mit Gedanken und Thesen bedeutender Denker der (Post-/)Moderne zu korrelieren, darunter Theodor W. Adorno, Norbert Elias, Karl Löwith, Ger-shom Sholem, Umberto Eco, Maurice Blanchot und Michel Foucault. Die Botschaft des Paulus wird so oft in ein neues, bisweilen überraschendes Licht gestellt. Die Lektüre der Aufsätze Stegemanns ist nicht zuletzt auch deshalb ein intellektueller Genuss. Hier schreibt einer, der über den Tellerrand der neutestamentlichen Fachdisziplin hinausschauend in historisch-kritischer Verantwortung auch die Relevanz der Paulustexte für die Gegenwart auslotet.

„Antworten zeitigen Fragen“. Die niveauvolle Paulusdeutung Ekkehard Stegemanns sei allen empfohlen, die etwas über die Brisanz des paulinischen Denkens und Wirkens erfahren und sich zu eigenem Fragen anregen lassen wollen.

 

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