Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Julie Kirchberg

 

Lernen auf Zukunft hin. Einsichten des christlich-jüdischen Gesprächs – 25 Jahre „Studium in Israel“. Im Auftrag des Arbeitskreises von „Studium in Israel e.V.“ hg. von Katja Kriener und Bernd Schröder in Verbindung mit Ernst Michael Dörrfuß, Neukirchen/ Vluyn 2004 (296 S., 24,90 €).

„Aus der Initiative einiger deutschsprachiger Theologen ist ein Verein geworden, dessen Arbeit sowohl in Deutschland und Israel als auch in weiteren Ländern Anerkennung findet, dessen Anliegen – die Abkehr von antijüdischen theologischen Denkmustern hin zu einer konstruktiv-geschwis­terlichen Verhältnisbestimmung christ­licher Theologie und Kirche zum jüdischen Volk – mittlerweile von vielen Landeskirchen und ihren Mitgliedern, auch von vielen Theologinnen und Theologen geteilt wird.“ (1) Vor diesem Hintergrund präsentieren die Herausgeber/innen Einsichten und Ausblicke von Lehrern und Absolventen und Absolventinnen des ökumenischen Studienprogramms in der Absicht, eine Art „Zwischenbilanz“ zu ziehen und gleichzeitig darüber hinaus „zukünftige Aufgaben (…) für das christlich-jüdische Gespräch in Deutschland“ zu formulieren (ebd.). Im 1. Teil werden Vorträge, Stellungnahmen und Berichte des Jubiläumssymposiums (Berlin 2003) dokumentiert. Neben dem Grundsatzreferat Peter von der Osten-Sackens plädiert auch der Ausblick von w. Raupach-Rudnick für eine „Entflechtung“, die nach der Wiederentdeckung des anderen und der Gemeinsamkeiten in der nächsten Zukunft den Versuch bedeuten müsse, „den Anderen, wie fragmentarisch auch immer, in seinem Anderssein zu begreifen“(53). Konkret heiße das, jüdische Mitarbeiter/innen in kirchlichen Arbeitsstellen vorzusehen und grundsätzlich darauf zu bestehen, dass die jüdischen Partner sich selbst vertreten. – Teil 2 trägt zusammen, welche Impulse christlich-jüdisches Gespräch in den theologischen Disziplinen im dt. Sprachraum gesetzt hat – von der Exegese (E. Blum / E.M. Dörrfuß / W. Kraus) über Kirchengeschichte (J. Ehmann), Dogmatik (m. Weinrich) und Ethik (v. Lenzen) bis zur Praktischen Theologie (B. Schröder). Teil 3 benennt und erörtert ökumenische Kontexte des christlich-jüdischen Gesprächs in Deutschland, Israel sowie im inner- und außereuropäischen Raum. Darin spiegelt sich nicht zuletzt die weltweite Vernetzung von Absolventen und Absolventinnen des Studiums in Israel. In ihrem Beitrag zum Verhältnis von Dialog und katholischer Kirche in Deutschland setzt sich d. Mensink unter anderem kritisch mit der vatikanischen Erklärung „Dominus Jesus“ auseinander (158f.) und bemängelt „die bisweilen zu beobachtende Selbstgenügsamkeit des Dialogs“ (165). Alle Autoren und Autorinnen gehen darin einig, dass eine Differenzierung und Erweiterung der Agenda christlich-jüdischer Verständigungsarbeit mit einer Öffnung für neue Partnerschaften einhergehen muss. – Teil 4 stellt in knappen Überblicken Geschichte, Konzept und Projekte von „Studium in Israel“ vor. Hier wird das Buch (in Beiträgen von m. Stöhr und m. Krupp) z.T. detailliert biografisch. Nicht zufällig wird bei den „Gründervätern“ deutlich, wie stark das Gesamtprojekt von einzelnen Persönlichkeiten geprägt ist.


Feneberg, Wolfgang: Mystik und Politik Jesu. Ein Kommentar zu Johannes 1-12 im Gespräch der Religionen, Stuttgart (Verlag Katholisches Bibelwerk) 2004 (288 S., 24,90 €).

Der Neutestamentler Feneberg, laut Klappentext „Gründer vieler Bibelschulen in Israel und der Türkei“, sieht in der „Bibelschule Jesu“ das leitende Modell für Jüngergemeinschaft und Kirche: „Nie hatte Jesus die Idee, dass die Juden, die an ihn glauben, und schon gar nicht alle Juden, sich seiner Bibelschule anschließen sollen oder werden.“ (8) Unter der „Leitidee“ der Toleranz liest der Bibliker das Johannesevangelium als Zeugnis eines psychologischen, politischen und geistlichen Prozesses um den Bibel-Lehrer Jesus und seine „Bibelschüler.“ Diese Perspektive wird weniger wissenschaftlich begründet als essayistisch-assoziativ durchgeführt. Und allenthalben begegnet das Bibelschule-Motiv. Dabei zeigt sich, dass ein inspirierender Zugang nicht an Überzeugungskraft gewinnt dadurch, dass er gelegen oder ungelegen repetiert wird.


Theißen, Gerd: Die Jesusbewegung. Sozialgeschichte einer Revolution der Werte, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2004 (320 S., 24,95 €).

Der Heidelberger Neutestamentler legt hier die ausgereifte Summe seiner Studien zur Soziologie des Urchristentums vor. Seit rund drei Jahrzehnten (vgl. Soziologie der Jesusbewegung, 1977) haben seine Arbeiten zur sozialgeschichtlichen Forschung am Neuen Testament Wichtiges beigetragen, so dass das neue Buch schon jetzt ein Standardwerk genannt werden kann. Theißen hat seine bekannte These von den „Wandercharismatikern (…) als Kern der Jesusbewegung, einer innerjüdischen Erneuerungsbewegung“ (7), differenziert und sowohl den jüdischen Binnenkontext als auch den interkul­turellen Vergleich stärker herausgearbeitet. In der Einleitung skizziert er kurz Aufgaben und Methoden, Quellen und Forschungsstand einer Soziologie der Jesusbewegung. In vier jeweils weiter ausgreifenden Schritten entwickelt er dann Rollen-, Gruppen-, Gesellschafts- und Ideenanalyse der Jesusbewegung. Dabei kommt die Symbiose von „heimatlosen Wandercharismatikern“ einerseits und unterstützenden „Ortsgruppen“ andrerseits in den Blick, die von vornherein hier angelegte Spannung zwischen ethischem Radikalismus und gemäßigtem Alltagsethos. Theißen beschreibt die Entstehung der frühen Kirche als Übergang „von der innerjüdischen Jesusbewegung zur hellenistischen Kultbewegung“ (118) und macht plausibel, wie diese Bewegung außerhalb der Gesellschaft, in der sie entstand, die Symbolwelt der dominanten Fremdkultur, der hellenistisch-römischen Antike, revolutionieren konnte (vgl. 290f.). Was die Lektüre anregend und erfreulich macht, ist neben der klaren Sprache des Autors die Selbstverständlichkeit, mit der er die Grenzen seiner Interpretation einräumt und die Punkte markiert, an denen andere Perspektiven – auch kritisch gegen die von ihm vertretenen – anzusetzen sind. Auch bringt er die nötigen Hinweise auf die wissenschaftliche Fachdiskussion, ohne sie durch einen großen Apparat zu dokumentieren. Das kommt der Klarheit der Darstellung zugute.


Jerusalem im Widerstreit politischer und religiöser Interessen. Die Heilige Stadt aus interdisziplinärer Sicht. Hg. von Helmut Hubel und Tilman Seidensticker, Frankfurt a.M. (Peter Lang) 2004 (245 S., 38,-- €).

Der Band dokumentiert eine interdisziplinäre Ringvorlesung (2000/ 2001) an der Universität Jena mit Beiträgen von elf Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Der Jenaer Judaist und Religionswissenschaftler A. Gotzmann befragt die Rolle Jerusalems als „Stereotyp eines geographischen Zentrums des Judentums“. Sein Fazit: Für jüdische Jerusalem-Traditionen vor der Staatsgründung war „nicht die Anwesenheit oder der Besitz der heiligen Orte bezeichnend, sondern im Gegenteil die Distanz: Jude sein bedeutete Abwesenheit vom Zentrum“ (70). Erst seit Mitte des vorigen Jahrhunderts habe sich im Zuge der israelisch-arabischen Konflikte „eine ganz neue, religiös vermittelte nationale Ideologie (entwickelt), für die Jerusalem als religiöser Ort unverzichtbar wurde“ (71). U. Tworuschka fragt nach „Möglichkeiten interreligiöser Verständigung über die Heiligen Stätten“ (113-136); die Berliner Politologin A. Timm: „Der Staat Israel und sein Anspruch auf das ‚ungeteilte Jerusalem’“ (161-181), erörtert israelische Positionen zur Jerusalem-Frage vor und nach 1967 und erläutert, inwiefern die „Frage nach dem künftigen Status der Stadt (…) einen zentralen Stellenwert im israelisch-palästinensichen Widerspruchsgeflecht“ hat und „in der bilateralen und internationalen Konsenssuche für eine umfassende Regelung des Nahostkonflikts“ (179) eine Schlüsselstellung behält. Als deutlicher Mangel des Buches (und wohl auch der zugrunde liegenden Tagung) ist anzumerken, dass im Spektrum der Perspektiven zwar zwei islamwissenschaftliche Beiträge (von G. Krämer und T. Seidensticker) vertreten sind, jüdische Perspektiven aber allein mit dem o.g. Gotzmann-Aufsatz nicht angemessen zur Darstellung kommen. Überraschend find ich auch, dass der Alttestamentler A. Hentschel sich ausschließlich auf „die Sicht des Christentums“ beschränkt. So spiegelt sich im Konzept dieses durchaus lesenswerten Buches nicht nur die schwer abbildbare Komplexität des Themas, sondern auch ein Wahrnehmungsmangel, wie er hierzulande für die Sicht auf den Staat Israel – und dann eben erst recht auf den „Knotenpunkt“ Jerusalem – gängig erscheint. Insofern bietet das Buch in jedem Fall einen Anstoß, die Jerusalem-Frage als solche und in der Weise, wie sie bei uns zum Thema gemacht wird, kritisch – und weitergehend zu befragen.


Klöpper, Diana / Schiffner, Kerstin: Gütersloher Erzählbibel. Mit Bildern von Juliana Heidenreich, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2004 (400 S. 19,95 €).

Zwei junge Theologinnen und eine Malerin haben sich mutig daran gemacht, diese neue „Erzählbibel“ zu erarbeiten, die sich vor allem an junge Leser/innen im Schulalter richtet. Ihre Nach-Erzählung ausgewählter Texte aus Erstem und Neuem Testament ist der Hermeneutik einer christlichen Theologie im Gespräch mit dem Judentum verpflichtet und durchweg um eine geschlechtergerechte Perspektive bemüht. (Für beides verweisen die Autorinnen auf die Unterstützung namhafter exegetischer Lehrer/innen wie F. Crüsemann und L. Schottroff.) Der biblisch-jüdischen Theologie des Gottesnamens tragen Klöpper und Schiffner durch sorgfältige Schreib- und Übersetzungsweisen Rechnung. Auch der Tora ist bereits in der Einleitung eine eigene Seite gewid­met: „Das Wort Tora (…) bezeichnet erst einmal all das, was Eltern, vor allem Mütter, ihren Kindern beibringen, damit sie sich im Leben zurecht finden (…) Die Tora ist das Fundament der Bibel, auf die sich alles folgende bezieht. (…) Diese Weisungen und Regeln haben ihre Gültigkeit für Jüdinnen und Juden bis heute nicht verloren. Das Bemühen darum sie einzuhalten, ist Ausdruck der Liebe aller Glaubenden zu Israels Gott.“ (7) Die Textparaphrasen bewegen sich auf der Höhe exegetischer Forschung und setzen ggf. ausdrücklich Gegenakzente zu Traditionen des Missverstehens. In einem abschließenden Kapitel erläutern die Autorinnen „Grundentscheidungen“ ihrer Erzählbibel, darunter die, im Aufbau ihrer Nacherzählung der jüdischen tanach-Tradition zu folgen; unter dem Titel „Christliche Theologie im Angesicht Israels: jüdisch-christlicher Dialog“ (382) und durch „Sozialgeschichtliche Notizen zum Neuen Testament“ (385f.) bringen sie ihre hermeneutischen Prämissen auf den Punkt. „Auch wenn Menschen aus den Völkern der Zugang zu Israels Gott durch Jesus Christus in neuer Weise eröffnet ist, blieb und bleibt die Verkündigung Jesu als des Christus nur verständlich, wenn sie in ihrer Verknüpfung mit und Bindung an Israel geschah und geschieht. Diesen Grundsatz haben wir versucht in unserer Nacherzählung umzusetzen“ (382). Das ist m.E. den beiden Nachwuchswissenschaftlerinnen in vieler Hinsicht gelungen. Ihr Projekt verdient, in pädagogischer Praxis erprobt und weiter entwickelt zu werden.


Um Gottes willen miteinander ver­bunden. Der Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Hg. von Hanspeter Heinz, Münster (LIT Verlag) (Forum Christen und Juden Bd. 1) 2004 (184 S., 17,90 €).

Die mit diesem Band eröffnete Reihe schafft – wie der Name signalisiert – ein Forum, um „jüdische und christliche Positionen zu Grundfragen der christlich-jüdischen Beziehungen, aber auch zu aktuell debattierten Themen miteinander ins Gespräch zu bringen“ (Vorwort, 7). Band 1 dokumentiert die Verlautbarungen des 1971 gegründeten Gesprächskreises beim ZdK und skizziert in Stellungnahmen deren internationale Rezeption. Das „innerkatholische“ Gewicht des Kreises bzw. den Stellenwert seines Anliegens für die römisch-katholische Kirche unterstreichen Geleitworte der Kardinäle Kasper und Lehmann. Einen instruktiven Überblick über die Geschichte des Gesprächskreises gibt dessen langjähriger Leiter, der Augsburger Pastoraltheologe H. Heinz, Herausgeber des Bandes. Er stellt dar, dass der anfänglich sehr begrenzte Auftrag, die Erarbeitung eines christlich-jüdischen Beitrags für den Katholikentag, sich in Umfang und Substanz zu einer stattlichen Agenda erweitert hat: eine von Antijudaismen befreite Darstellung von Juden und Judentum in Katechese und Bildung (z.B. Schulbuchprojekt); Aufbau und Vertiefung gelebter Beziehungen (Studien- und Begegnungsreisen); „philosophisch-theologische Grundlagenreflexion“ (Tagungen und Publikationen, 15); Vorbereitung von Stellungnahmen des ZdK zu aktuellen Themen. Einzigartig in der kirchlichen Landschaft war die Schaffung eines mit jüdischen und christlichen Gesprächspartnern besetzten Gremiums für den explizit theologischen Dialog. Die Darstellung von Heinz lässt nur erahnen, welche Auseinandersetzungen damit verbunden waren und sind; „die Konsequenzen von Nostra Aetate waren uns nur anfanghaft aufgegangen“ (17), stellt er mit Blick auf die katholischen Mitglieder des Kreises für die Startphase fest. Als wichtige Stellungnahmen, die hier nochmals dokumentiert sind, seien exemplarisch erwähnt: das Arbeitspapier „Theologische Schwerpunkte des jüdisch-christlichen Gesprächs“ von 1979; die Erklärung „Nach 50 Jahren – wie reden von Schuld, Leid und Versöhnung?“ von 1988 und der „Zwischenruf“ „Juden und Judentum im neuen Katechismus der Katholischen Kirche“ von 1996. Das Spektrum der Themen zeigt: „Der Gesprächskreis ist eben keine systematisch arbeitende Forschungsstelle, sondern ein wechselnder Personenkreis von leidenschaftlich am christlich-jüdischen Verhältnis Interessierten“ (27).


Redet Wahrheit – Dabru Emet. Jüdisch-christliches Gespräch über Gott, Messias und Dekalog. Hg. von Erwin Dirscherl, Werner Trutwin, Münster (LIT Verlag) (Forum Juden und Christen Bd. 4) 2004 (144 S., 16,90 €).

Der Band dokumentiert Beiträge eines Symposions (München 2003) auf Initiative des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Das Dokument „Dabru Emet - Redet Wahrheit“ und dessen Rezeption in Amerika, Polen und Deutschland werden vorgestellt und drei (von den acht) Thesen des amerikanisch-jüdischen Plädoyers aus christlicher und jüdischer Sicht erörtert. Der Frage nach dem Einen Gott widmen sich Vorträge von C. Thoma, E. Brocke, H. Heinz / W. Homolka und A. Koschel. „Haben Juden und Christen dieselbe Ethik?“ fragen D. Altner und R. Ammicht-Quinn. „Jesus der Bruder und Christus der Herr“ wird von M.A. Signer (einem der Initiatoren von Dabru Emet), J. Wohlmuth und H. Heinz ins Gespräch gebracht. Mit dem Buch wird „Dabru Emet“ im deutschen Sprachraum in die Öffentlichkeit gebracht und weitere Diskussion darüber angeregt.

 

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