Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Julie Kirchberg

 

Paulus der Jude. Seine Stellung im christlich-jüdischen Dialog heute, hg. v. Sung-Hee Lee-Linke, Frankfurt a.m. (Verlag Otto Lembeck) 2005 (127 S., 12,- €).

Veröffentlicht sind hier sechs Beiträge einer Tagung der Ev. Akademie im Rheinland, die neuere Perspektiven der Paulusforschung im Blick auf dessen jüdische Identität vorstellen. P. v.d. Osten-Sacken, g. Jankowski, m. Vahrenhorst, m. Leutzsch und d.r. Schwartz stellen die Rolle des Paulus im historischen wie auch im aktuellen Kontext jüdischer Theologie und Kultur zur Diskussion und tragen zur Differenzierung des Themas im christlich-jüdischen Gespräch bei.


Plietzsch, Susanne: Kontexte der Freiheit. Konzepte der Befreiung bei Paulus und im rabbinischen Judentum, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2005 (Judentum und Christentum 16) (208 S., 20,- €).

Ausgangspunkt der Arbeit (Diss. Leipzig 1999) ist das Verständnis von Freiheit als zentraler Größe rabbinischer Anthropologie und des paulinischen Christentums. Dabei geht es einmal mehr um eine „Spurensuche (…) nach der (teilweisen) Verortung des Neuen Testaments in einem jüdischen Kontext“ (23). Plietzsch „fragt nach der theologisch-anthropologischen Korrespondenz des paulinischen mit dem rabbinischen Denken, nach einem inneren Dialog beider Systeme miteinander“ (17).  Teil I eruiert auf der Basis einer nicht-antijudaistischen Paulusforschung Grundzüge von ge’ullah in rabbinischer Bibelauslegung und liturgischer Praxis. „Die ‚Autorität der Tora’ wird von der rabbinischen Schriftauslegung als ein Konzept lanciert, das Israel immer wieder in die Reflexion seiner selbst hineinzieht. Die Exoduserfahrung wird so als Erfahrung der Befreiung aus der Unkenntlichkeit nicht nur beschrieben – sie ereignet sich vielmehr kontinuierlich und gewinnt aufs neue Realität“ (94). Teil II versucht eine relecture paulinischer Briefe mit Blick auf die rabbinischen Kontexte: „Trotz seines Umgangs mit jüdischen Theologoumena, der innerhalb des Judentums nicht mehr kommunikabel ist, verlässt Paulus bestimmte Grundlagen rabbinischen Denkens nicht, sondern unternimmt den Versuch, sie zu transformieren“ (167.) Beide (so Plietzsch) – rabbinische Tradition wie auch Paulus – versuchen in einer Situation der Krise aus Verantwortung für Israel in unterschiedlicher Weise das gleiche: seine Überzeugungen „neu zu formulieren und zu systematisieren und das Ergebnis nach innen und nach außen zu vermitteln“ (193).


Schäfer, Ruth: Paulus bis zum Apos­telkonzil. Ein Beitrag zur Einleitung in den Galaterbrief, zur Geschichte der Jesusbewegung und zur Pauluschronologie, Tübingen (Mohr Siebeck) 2004 (wunt ii/179) (xvi + 647 S., 84,- €).

Die Dissertation der katholischen Exegetin (Bochum 2003) ist ein „Rekonstruktionsversuch der Biographie des Paulus mit dem Schwerpunkt auf der Frühzeit von seiner Offenbarungserfahrung bis zum Apostelkonzil“ (4). Sie bietet im 1. Teil einen historisch-kritischen Kommentar zu den Eingangskapiteln des Galaterbriefes (Gal 1,13-2,21) und entwickelt aus dessen autobiographischen Notizen ein theologisches Profil des Paulus und seines missionarischen Selbstverständnisses. „Paulus hat sich ‚vor Damaskus’ nicht, wie immer noch häufig behauptet wird, vom Judentum zum Christentum bekehrt, sondern von einer jüdischen Lebensform zu einer anderen Weise jüdischen Lebens“ (91). Schäfer geht auf das paulinische Rechtfertigungsverständnis ausführlich ein, weist die hier oft anzutreffende Antijudaismus-Kategorie als unangebrachte Projektion eines nachpaulinischen Standpunktes zurück (vgl. 281-285) und resümiert mit Blick auf die Rezeptionsgeschichte von Gal 2, 14-21: „Die jüdische Einsicht in die Nicht-Rechtfertigung des Menschen aus Gesetzeswerken ist im Sinne des Paulus (…) als allgemeingültige Aussage aufzufassen (287). (…) Aus seiner Sicht eines an den Christus Jesus glaubenden Juden hält Paulus an der Einheit Gottes und der Einheitlichkeit seines Heilswillens in seinem Handeln an Abraham und im Christusgeschehen fest“ (288). Nach Schäfer führt gerade die genuin jüdische Option des Paulus zu einer Relativierung der Torah – ein Paradox, das eine antijüdische Auslegung der paulinischen Theologie im Ansatz ausschließt. Integration, nicht Exklusion, so Schäfer, ist das „Lebensprojekt“ des Gemeindegründers Paulus – im „Modell einer gelebten Geschwisterlichkeit von Christinnen und Christen aus Juden- und Heidentum in den Gemeinden“ (478). Die kluge Anlage und überzeugende, detailliert belegte Argumentation der Arbeit wiegen in ihrer Übersichtlichkeit und Stringenz die Anstrengung der Lektüre eines so umfangreichen Kommentars auf. An dieser Arbeit wird für Einleitungsfragen zur paulinischen Theologie künftig nicht vorbeizugehen sein.


Theoriebildung im christlich-jüdi­schen Dialog. Kulturwissenschaftliche Reflexionen zur Deutung, Verhältnisbestimmung und Diskursfähigkeit von Religionen, hg. von Gabriella Gelardini, Peter Schmid, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) (Judentum und Christentum Bd. 15) 2004 (180 S., 17,- €).

Das Buch geht zurück auf ein Symposion (2003) in der Schweiz zu der pointierten Frage: „Was begegnet sich im christlich-jüdischen Dialog?“ Die zehn Beiträge beleuchten das Phänomen der Multikulturalität und Multireligiosität mit Blick auf Christentum und Judentum. Ein 1. Teil befasst sich mit dem Begriff „Religion“ in Kultur und Gesellschaft. Hier vertritt Wolfgang Stegemann die These, „der moderne Diskurs über Religion als ein eigener Bereich von Kultur und Gesellschaft“ (47) sei eine „Erfindung“ des Christentums. Im 2. Teil: „Globalisierung und die Metaphern virtueller, transnationaler (Religions-)Gemeinschaften“ erörtert die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim die „Neuerfindung jüdischer Kultur in Deutschland heute“ (95) und macht aufmerksam auf den hohen Grad an Inszenierung dieser Kultur, insbesondere durch Nichtjuden. „Das Bild, das sich Deutsche von Juden machen, ist – weil sie reale Juden kaum kennen – ein Klischeebild, nach medialen Vorgaben geformt. Es ist das Bild eines Exoten, eines Fremden und Anderen, ständig vom Hauch der Geschichte umweht“ (106). Andrea Hettlage-Varjas und Robert Hettlage plädieren angesichts der „Vielfalt von jüdischen Identitäten und Erinnerungen“ für das Paradigma einer „Erinnerungsgemeinschaft“ anstelle des „prekären“ Leitbildes einer „geschlossenen“ „Schicksalsgemeinschaft“ (123). Der 3. Teil analysiert „Historische Rekonstruktionen jüdischer und christlicher Identität in der Antike“. Die Kulturanthropologin Adriana Destro wendet konflikt- und identitätstheoretische Konzepte auf neutestamentliche Texte an und zeigt zusammen mit dem Kirchenhistoriker Mauro Pesce die zentrale und konstruktive Bedeutung von Konflikten für die Identitätsbildung von Judentum und Christentum auf. Die hier dokumentierten Referate einer international und interdisziplinär zusammengesetzten Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bereichern die Arbeit am christlich-jüdischen Dialog durch Impulse von außerhalb der theologischen Disziplinen. Das kritische Potential kultur- und religionswissenschaftlicher Zugänge hat in einem oft hochgradig ritualisierten Diskurs wie dem christlich-jüdischen „Religionsgespräch“ durchaus mehr Beachtung verdient.


Der brennende Dornbusch. Glanz und Elend der Juden in Europa, hg. von Iris Pollatschek und Wolf-Rüdiger Schmidt. Mit einem Essay von Michael Brenner, Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2004 (182 S., 19,95 €).

Das Buch begleitet und vertieft den gleichnamigen ZDF-Zweiteiler auf dreifache Weise: M. Brenner beleuchtet in seinem historischen Essay streiflichtartig wich­tige Stationen jüdischer Geschichte in Europa vom 2. vorchristlichen Jahrhundert bis heute (9-82). Die Filmautorin I. Pollatschek trägt Kurzportäts von sechs herausragenden Persönlichkeiten bei; unter den von ihr ausgewählten „Zeugen“ mit exemplarisch bedeutsamer Vita sind bis auf eine alle männlich … Männer machen Geschichte? (83-129). Der TV-Redakteur W.-R. Schmidt steuert „Dokumente“ bei: Quellen zur europäisch-jüdischen Geschichte in unkommentierten Auszügen, mit den Akzenten Mittelalter („Beschuldigung und Leid“), Reformation, Chassidismus, 19. Jahrhundert („Menschenrechte, Rassenhass, Antisemitismus und der Wunsch nach einer Heimstatt“) – insgesamt, der erklärten Absicht des Projektes zum Trotz: viel Elend, wenig, zu wenig Glanz!


Was jeder vom Judentum wissen muss, 9. völlig neu überarbeitete Auflage. Im Auftrag der Kirchenleitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands hg. von Christina Kayales und Astrid Fiehland van der Vegt unter Mitarbeit von Uwe Gräber, Angela Langner u.a., Gütersloh (Gütersloher Verlagshaus) 2005 (206 S., 12,95 €).

Mehr als dreißig Jahre nach den –damals noch – ersten Faltblättern zum Thema, mehr als zwanzig Jahre nach der ersten Buchversion ist diese Neuauflage zu begrüßen. Veränderter Aufbau und ergänzte Themen zeugen davon, dass christlich-jüdisches Gespräch im Raum der VELKD sich in der Zwischenzeit weiter entwickelt hat. War der Ursprung des Projekts mit der Intention verbunden, die Erkenntnisse der EKD-Studie „Christen und Juden“ in die Öffentlichkeit hinein zu vermitteln, so sind seither Perspektiven hinzugekommen, die für christliche Wahrnehmung jüdischer Wirklichkeit im deutschen Kontext relevant sind. In „Teil i: Jüdische Lebenswelten“ werden unter den religiösen Richtungen neue Entwicklungen im Reformjudentum angesprochen und aktuelle Tendenzen in der jüdischen Frauenbewegung erwähnt. „Teil II: Jüdische Geschichte und Gegenwart“ geht auf die rasante Veränderung jüdischer Gemeinden in Deutschland seit der „Wende“ ein – Zuzug aus Osteuropa, neue Vielfalt. „Teil iii: Christen und Juden – Juden und Christen“ führt wichtige Verlautbarungen der Ev. Kirche aus den letzten Jahren an, versucht ein selbstkritisches Fazit des bisher Erreichten und zitiert e.l. Ehrlich mit dem Hinweis, „der Test für den christlich-jüdischen Dialog könne (…) nicht eine gelungene theologische Formulierung sein, sondern die konkrete Anwendung der biblischen Botschaft im Leben, im Umgang zwischen Christen und Juden“ (157). Im Anhang findet sich u.a. eine kleine, aber aktuelle und brauchbare Bibliographie, daneben einige nützliche Internetadressen.


Wenn nicht ich, wer? Wenn nicht jetzt, wann?“ Zur gesellschaftspolitischen Bedeutung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR), hg. von Christoph Münz, Rudolf W. Sirsch, Münster LITVerlag) (Forum Christen und Juden Bd. 5) 2004 (304 S., 15,90 €).

Der DKR, Dachverband von heute 83 Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Deutschland, blickt im Jahr 2004 auf 55 Jahre seines Bestehens zurück, Anlass für eine Zwischenbilanz mit Durchblicken und Schlaglichtern auf eine „Erfolgsgeschichte (…) mit Höhen und Tiefen“ (Vorwort, 20).  Zwölf Beiträge reflektieren Geschichte, gesellschafts- und kirchenpolitische Wirkungen des Koordinierungsrates. „Einige Rückblicke“ von Martin Stöhr, dem langjährigen evangelischen Vorsitzenden des DKR, eröffnen die Reihe, ein Ausblick auf die Herausforderungen der Zukunft von Berndt Schaller, dem amtierenden evangelischen Präsidenten, beschließt sie. Wichtige und wissenswerte Details der Historie bringen Rudolf W. Sirsch, Generalsekretär des DKR, N.P. Levinson, ehemaliges jüdisches Vorstandsmitglied, und Pater W.P. Eckert als ehemaliger katholischer Vorstandsvertreter in Er­innerung. H.H. Henrix beleuchtet das Verhältnis von DKR und Deutschen Katholikentagen als „unterirdische Arbeitsgemeinschaft“ (173), während die Journalistin g. Kammerer Einblick gibt in die öffentliche Rezeption der Woche der Brüderlichkeit „im Spiegel der Presse“ (189). Themen wie die Frage nach gemeinsamem Gottesdienst (Levinson), Anti-Antisemitismus (Ginzel) und jüdisch-christlichem Dialog als politische Bildung (Dahlhaus) vermitteln Eindrücke von der Vieldimensionalität des vom DKR entfalteten Engagements. „Erfahrungen und Eindrücke“ des vorigen und des amtierenden Generalsekretärs, A. Koschel und R.W. Sirsch, bieten Überblicke über die letzten fünfzehn Jahre DKR-Arbeit. Hilfreich und orientierend sind die Übersichten im Anhang. Sie verzeichnen u.a. die Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit nach Gründungsjahren, die Namen der seit 1949 im dkr leitend verantwortlichen jüdischen, katholischen und evangelischen Personen sowie eine Auswahl von dkr-Verlautbarungen aus den ersten fünfzehn Jahren – vgl. zur Vertiefung die Bibliographie von Publikationen aus der DKR-Arbeit. Wer in knappster Form über Schwerpunkte dieser Arbeit informiert sein will, findet sie, oft mit politischer Signalwirkung, benannt in der Chronologie der DKR-Jahresthemen und der Preisträger und Preisträgerinnen der Buber-Rosen­zweig-Medaille (ab 1968). Zuzustimmen ist dem Fazit von Berndt Schaller: „Hier gibt es noch genug unerledigte, notwendige Aufgaben“ (260).


Blum, Matthias: „denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Zur Rezeption der Fürbitte Jesu am Kreuz (Lk 23,34a) in der antiken jüdisch-christlichen Kontroverse, Münster (Aschendorff Verlag) 2004 (nta n.f. 46) (x, 242 S., 37,- €).

Die Studie (Diss. Berlin 2001) erörtert Auslegungsgeschichte, aktuelle Interpretation und altkirchliche Rezeption der Fürbitte Jesu, die sich entgegen gängiger Lesart nicht auf die jüdische Obrigkeit, sondern auf die römischen Soldaten bezieht. Dennoch wurde die Bibelstelle Ausgangspunkt antihäretischer wie antijüdischer Polemik. Der Fokus der Aussage – die Unbedingtheit der Liebe Gottes – geriet in dieser Deutung nicht nur aus dem Blick, sondern wurde im Widerspruch zum Schriftsinn gerade mit Bezug auf Juden mit dem Bekehrungsvorbehalt versehen. Blum weist überzeugend nach, dass „jede Interpretation, die die vermeintliche Bezugnahme der Fürbitte auf die Juden voraussetzt (…) – sei es in antijüdischer oder projüdischer Intention, nicht mehr gerechtfertigt“ ist (209).

 

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