Kirche und Israel - Neukirchener Theologische Zeitschrift

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Bücherschau: Julie Kirchberg

 

Hayoun, Maurice-Ruben: Geschichte der jüdischen Philosophie, Darmstadt (Wissenschaftl. Buchgesellschaft) 2004 (296 S., 54,- €).

Der Autor, seit 1983 Professor an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, bringt mit diesem Durchgang durch mehr als ein Jahrtausend jüdischer Geistesgeschichte eine Art Überblicksvorlesung zu Papier. Er stellt sich in die Tradition von Julius Guttmanns „Die Philosophie des Judentums“ von 1933. Die Frage, ob und wie eine „Gesamtdarstellung der (!) jüdischen Philosophie“ sich heute schreiben lässt (23ff.) und was überhaupt unter jüdischer Philosophie zu verstehen sei, wird zwar angesprochen, aber über einen knappen Literaturbericht hinaus nicht weiter erörtert. Die zehn Kapitel des Buches lesen sich denn auch eher wie Essays zu einigen Aspekten jüdischer Philosophie in Mittelalter und Neuzeit, wobei der philosophischen Leistung des Moses Maimonides drei Kapitel gewidmet sind, „Die (!) jüdische Philosophie im 20. Jahrhundert aber im Schlusskapitel Platz findet. Die Ausführungen zu S. L. Steinheim fußen im Wesentlichen auf Arbeiten von Hans-Joachim Schoeps; was dem Verfasser ein Rosenzweig zu denken gibt, passt auf eine einzige Buchseite.

Diese Andeutungen mögen genügen, um das Unbehagen über den ambitionierten Titel von Hayouns Buch zu begründen. Auch die Bibliographie ist ausgesprochen knapp ausgefallen. Präziser und sachgemäßer hätte der Verlag das benennen können, was Leser und Leserinnen hier vorfinden: Essays zur Geschichte jüdischer Philosophie.


Israel und seine Heilstraditionen im Johannesevangelium. Festgabe für Johannes Beutler SJ zum 70. Geburtstag, hg. von Michael Labahn, Klaus Scholtissek, Angelika Strotmann, Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2004 (427 S., 54,- €).

Das Buch konzentriert sich auf das heikelste Thema der neueren Johannesforschung. Einige der zwanzig Beiträge beziehen sich explizit auf die Antijudaismusdebatte: Reimund Bierin­ger und Didier Pollefeyt (Open to Both Ways…? Johannine Perspectives on Judaism in the Light of Jewish-Christian Dialogue, 11-32) fordern programmatisch ein, den Zusammenhang von johanneischer Christologie („christological exclusivism“, 22) und Antijudaismus bei Johannes theologisch zu diskutieren, statt ihn historisch zu relativieren. Francis J. Moloney (Israel, the People and the Jews in the Fourth Gospel, 351-364) trägt zur Rede von „den” Juden im Johannesevangelium Differenzierungen bei. Adele Reinhartz (The Grammar of Hate in the Gospel of John: Reading John in the Twenty-First Century, 416-427) setzt sich mit der Spannung zwischen Liebesgebot und Anstiftung zum Hass auseinander, die das Evangelium durchzieht. Jörg Frey (Das Bild ‚der Juden’ im Johannesevangelium und die Geschichte der johanneischen Gemeinde, 33-53) erklärt die ethische Absicht hinter apologetisch gefärbten Ansätzen der neueren Forschung mit deren „Bestreben, eine antijüdische Fortwirkung des Textes zu verhindern, aber seine theologische Autorität nicht zu gefährden“ (34). Für Frey dagegen „ist der möglichst präzise Rekurs auf den Kontext und Konflikte der johanneischen Gemeinden unabdingbar, wenn es gilt, mit den Texten verantwortlich umzugehen, d.h. ihre theologische Integrationsleistung wahrzunehmen, aber eine unbeabsichtigte Fortwirkung ihrer antijüdischen Aussagen zu verhindern“ (53). Die meisten Beiträge des Buches handeln von Rezeption und Normativität der Schrift sowie von den „Heilsinstitutionen“ Israels – Königtum, Feste, Opfer, Tempel, Volk – und erschließen deren Bedeutung für die johanneische Theologie. Den Herausgebern und Herausgeberinnen ist zuzustimmen, wenn sie in ihrem Vorwort resümieren: „Der hier angestrebte Querschnitt (…) johanneischer Theologie eröffnet einen zielsicheren Weg, die johanneische Rezeption und Auseinandersetzung mit der jüdischen Matrix des eigenen Christusbekenntnisses nachzuvollziehen und sachgerecht zu interpretieren“(7).


Juden und Christen im Gespräch über „DABRU EMET – redet Wahrheit“, hg. von Hubert Frankemölle, Paderborn (Bonifatius) 2005 (251 S., 15,90 €).

Die hier dokumentierte Vortragsreihe versammelt Beiträge namhafter Theologen und Theologinnen zu den Thesen jüdischer Intellektueller (vom September 2000). Der Herausgeber eröffnet das Gespräch mit einem Überblick über „jüdisch-christlichen Dialog in Deutschland nach dem Holocaust bis zu Papst Johannes Paul ii“ und findet ein Gegenstück in dem Beitrag von E. L. Ehrlich. H. Heinz kommentiert Entstehung und bisherige Rezeption von DABRU EMET. C. Dohmen erörtert die bibeltheologische Basis des Dokuments, C. Thoma dessen Gottesverständnis. P. von der Osten-Sacken trägt „Ansätze einer nicht-antijudaistischen Christologie aus der Perspektive des Neuen Testaments“ bei, F. Crüsemann fünf „Bausteine zu einer christlichen Theologie des jüdischen Landes“. R. Kampling analysiert und diskutiert die besonders umstrittene These: „Der Nazismus war kein christliches Phänomen“. M. Brumlik fragt: „Haben Juden und Christen dieselbe Ethik?“ Den in DABRU EMET klar angesprochenen „unüberwindliche(n) Unterschied zwischen Juden und Christen“ nimmt B. Kranemann zum Ausgangspunkt liturgietheologischer Erwägungen, namentlich zur Israeltheologie in heutiger katholischer und evangelischer Liturgie. „Zum gegenwärtigen Stand des jüdisch-christlichen Dialogs und seinen Perspektiven“ äußert sich Verena Lentzen; in der leider allzu kurzen Skizze von Desideraten des Gesprächs mahnt sie unter anderem „eine stärkere Beteiligung von jungen Menschen, von Frauen und kritischen Querdenkern“ an (246). Der kleine Band bietet einen guten Einblick ins Spektrum der Diskussion, nicht nur zu Dabru Emet, sondern zum Status des aktuellen theologischen Gesprächs zwischen Juden und Christen.


Lemaire, Rainer: Christliches Verstehen des Alten Testaments und das Verhältnis Kirche – Israel. Eine Untersuchung zur Berücksichtigung des Verhältnisses Kirche – Israel in christlichen Entwürfen zur Hermeneutik und Didaktik des Alten Testaments, Schenefeld (EB-Verlag) 2004 (477 S., 19,80 €).

Die Kölner Dissertation des evangelischen Theologen und Pädagogen Lemaire fragt nach theologischen und hermeneutischen Weichenstellungen in (v.a. evangelischen) Entwürfen zum Alten Testament mit dem Ziel, Kriterien für die Berücksichtigung des christlich-jüdischen Verhältnisses zu eruieren. Dazu führt der Verfasser zunächst in die Fragestellung ein, wie sie sich in kirchlichen Dokumenten im 20. Jahrhundert darstellt, von den 20er Jahren bis zu jüngsten Stellungnahmen am Übergang ins 21. Jahrhundert. Lemaire verdeutlicht den Zusammenhang zwischen der Abwertung des at und einer negativen Bewertung des Verhältnisses Kirche – Israel und würdigt die bahnbrechende Rolle der Erklärung der Rheinischen Landessynode von 1980 in diesem Zusammenhang. Im 2. Schritt untersucht Lemaire die Verortung des christlich-jüdischen Verhältnisses in Entwürfen zur Hermeneutik des at, die er unterscheidet in differenzbetonte (Harnack, Hirsch, Bultmann, Baumgärtel, Gunneweg), gemeinsamkeitsorientierte (Vischer, v. Rad, Barth, Zimmerli, Gese) und solche, „die das Verhältnis Kirche – Israel positiv berücksichtigen (Zenger, Dohmen, Rendtorff, J.M. Schmidt, Preuß). Die Pionierarbeit von H.-J. Kraus wird eigens gewürdigt. Der 3. Schritt gilt einer entsprechend angelegten Analyse didaktischer Entwürfe im Blick auf die christlich-jüdische Verhältnisbestimmung. Hierzu stellt der Verfasser kritisch fest, dass „vor allem die Frage nach praktisch-theologischen Konsequenzen (…) bisher weder hinreichend theoretisch diskutiert noch praktisch umgesetzt (ist)“ (51). Gleichwohl beobachtet Lemaire seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts eine wachsende Wahrnehmung des „Eigenworts“ des at: Trotz einer „Entdeckung des Judentums für den ru“ (433) werde der „Versuch einer Vermittlung alttestamentlicher Texte im RU im Sinne einer Teilhabe der Kirche an der Bibel Israels (…) allerdings bisher noch nicht unternommen“ (434). Der letzte Arbeitsschritt formuliert auf der Basis dieser sorgfältigen Vorarbeiten „Weichenstellungen für eine positive Berücksichtigung des Verhältnisses Kirche – Israel“ (437-454) – „einerseits als Kriterien für die Beurteilung hermeneutischer und didaktischer Entwürfe und andererseits als Orientierungspunkte für den konkreten praktisch-theologischen und religionspädagogischen Umgang mit dem Alten Testament“ (441). Abschließend bzw. weiterführende Perspektiven aufschließend skizziert Lemaire mit Blick auf den RU in der Primarstufe Eckpunkte einer „’Didaktik christlicher Teilhabe am Alten Testament’“ 448-453). Anknüpfend an die Denkschrift der EKD zum RU, „Identität und Verständigung“ von 1994 leistet die Arbeit von Lemaire einen gründlichen und erfreulich lesbaren Beitrag zu einer Didaktik des AT, die die Schriften „sowohl von ihrem Eigenwort (ohne Neues Testament) als auch im Kontext der ganzen christlichen Bibel liest und versteht“ (434).


Ahlers, Rudolf: Der „Bund Gottes“ mit den Menschen. Zum Verhältnis von Christen und Juden, Hildesheim (Georg Olms Verlag) 2004 (xii, 226 S., 29,80 €).

Die Arbeit (Diss. phil. Hildesheim 2003) setzt an bei der Einführung des Bundesbegriffs in die Verhältnisbestimmung von Christen und Juden durch den Beschluss der Rheinischen Landessynode von 1980. Es geht um Bedeutung und Tragfähigkeit des „Ein-Bund“- oder „Teilnahmemodells“ für die weitere Entwicklung. Eine knappe Skizze zur Geschichte des Begriffs „Bund“ im Neuen Testament kommt zu dem Ergebnis, dass „für die Verhältnisbestimmung von Christentum und Judentum keine Hinweise aus den Bundesaussagen des Neuen Testamentes erwartet werden dürfen“ (113). Der Autor erörtert von da aus die Verwendung des „Ein-Bund-Modells“ als zentrale Kategorie christlich-jüdischer Verhältnisbestimmung in den theologischen Positionen von van Buren, Klappert und Marquardt und stellt ihnen Ansätze des “Zwei-Bünde-Mo­dells“ nach Pannenberg und Pawlikowski gegenüber mit dem Fazit: „Die Dialektik von Einheit und Pluralität im biblischen Bundesdenken macht es erforderlich, dem Zwei-Bünde-Modell gegenüber dem Ein-Bund-Modell den Vorrang einzuräumen.“ (165). Daraus leitet Ahlers „bundestheologische Konsequenzen“(168) für das Verständnis des christlich-jüdischen Verhältnisses ab, die dieser – als konstruktiv begriffenen – Dialektik Rechnung tragen.


Fiedler, Peter: Studien zur biblischen Grundlegung des christlich-jüdischen Verhältnisses, Stuttgart (Verlag Kath. Bibelwerk) 2005 (sba 35) (x, 291 S., 48,- €).

Der Band versammelt Aufsätze des Freiburger Neutestamentlers aus den Jahren 1981 - 2002, die bisher  an z.T. entlegener Stelle publiziert wurden.

Ein breites Spektrum thematischer Beiträge ist einer historisch-kritischen Revision von Fragen gewidmet, die das Verhältnis des Neuen Testaments zur Bibel Israels, die Beziehung von Christentum und Judentum an der Wurzel betreffen. Studien zur Jesustradition, zur Paulusforschung und zum Matthäusevangelium bilden die Schwerpunkte der Veröffentlichung. Der Verfasser, dessen Gesamtwerk seit Jahrzehnten der „Kehrtwendung“ verpflichtet ist, die das 2. Vaticanum für die Beziehung der katholischen Kirche zum Judentum bedeutet, präsentiert mit seinen Aufsätzen zugleich das, was er selbst als „Phasen eines offenen Lernprozesses“ bezeichnet (Vorwort, v). Ablesbar ist das z.B. an zwei Beiträgen zu einem vieldiskutierten und zentralen Themenkomplex: „Probleme der Abendmahlsforschung“ von 1982 (22-69) und „Kultkritik im Neuen Testament?“ von 2002 (256-291). Dabei gelingt es Fiedler stets, die theologischen Perspektiven zu entwickeln, die sich aus der Detailarbeit an den Schrifttexten ergeben, ohne die jeweils aktuelle Forschungsdiskussion zu vernachlässigen. Fiedlers Studien erinnern daran, dass ein christlich-jüdischer Dialog, der diesen Namen verdient, theologisch seriös nicht ohne solch mühsame Kleinarbeit an den „großen“ Themen zu haben ist: „Die Erneuerung des Verhältnisses zum Judentum muss von den neutestamentlichen Wurzeln ausgehen.“ (Vorwort, V).


Pohl-Patalong, Uta: Bibliolog. Gemeinsam die Bibel entdecken im Gottesdienst – in der Gemeinde – in der Schule, Stuttgart 2005 (152 S., 19,80 €).

Die Autorin, Privatdozentin für Praktische Theologie an der Universität Bonn, stellt hier eine Methode von Bibelarbeit vor, die von dem jüdischen Literaturwissenschaftler und Psycho­dramalehrer Peter Pitzele als eine Form von modernem Midrasch entwickelt worden ist. Es „werden auch im Bibliolog biblische Texte dadurch ausgelegt, dass die ‚Zwischenräume’ im Text – das, was der Text nur andeutet (…) – erzählend, kreativ und inspiriert von eigenen Erfahrungen gefüllt werden“ (9). Im Unterschied zum Bibliodrama kann der Bibliolog mit großen Gruppen und auch in Gottesdiensten eingesetzt werden, als eine Art von Dialogpredigt mit der Gemeinde. Das Buch stellt die einzelnen methodischen Schritte und einige Sonderformen des Bibliologs vor, erörtert die dabei entstehenden hermeneutischen Fragen und demonstriert, wie er praktisch „gehen“ kann, an exemplarischen Erfahrungsberichten aus verschiedenen pastoralen Handlungsfeldern. Obwohl das Buch „aus der Praxis für die Praxis“ gemacht ist, warnt die Autorin wohl mit Recht davor, den Bibliolog ohne entsprechende Qualifizierung zu praktizieren. So gesehen, ist das Buch darauf angelegt, durch die Lektüre zu eigenen Erfahrungswegen mit dem Bibliolog zu motivieren.


Trepp, Leo / Wöbken-Ekert, Gun­da: „Dein Gott ist mein Gott“. Wege zum Judentum und zur jüdischen Gemeinschaft, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2005 (240 S., 24,80 €).

Das Buch richtet sich an Menschen, die sich dem Judentum anschließen wollen, und solche, die ihr Judesein unter der Perspektive der Zugangswege reflektieren möchten. Nebenbei, aber nicht zuletzt, informiert es allgemein Interessierte über historische, soziale und lebenspraktische Dimensionen jüdischer Identität. Der 1. Teil (14-108) ist der Geschichte von Konvertiten und Konversionen und der Frage der jüdischen Missionstätigkeit vom biblischen Stammvater Abraham bis zu Leo Baeck gewidmet. Die halachische Diskussion unter den Rabbinen ebenso wie die Polemik der Kirchenväter zeigt die Ambivalenz, aber auch die Repressalien, die von jeher mit Übertritten verbunden waren, bis hin zu den Zwangskonversionen von Juden im Mittelalter. Der 2. Teil behandelt praktische Fragen zum „Übertritt in der Gegenwart“ (109-152), nennt dazu Kriterien für die Entscheidung zur Konversion, beschreibt die konkreten Schritte und die Form des Übertritts und weist dabei auf die unterschiedlichen Aufnahmebedingungen von Orthodoxie, Reform und Konservativen hin. Der 3. Teil (153-223) bringt Erfahrungsberichte heutiger Proselyten aus Deutschland und den USA, in denen die Vielfalt der Wege zum Judentum ebenso konkret wird wie der Widerstand von innen und außen, mit denen Übertrittswillige zu rechnen haben. Es erscheint kennzeichnend für ein Buch zu diesem Thema mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Schoah, dass immer noch betont werden muss: Zugehörigkeit zum jüdischen Volk ist nicht ethnisch definierbar. Hier hätte man sich einen kritischeren Umgang mit dem Unwort „Rasse“ gewünscht (z.B. 100). Bemerkenswert ist schließlich die Tatsache als solche, dass zum Thema Übertritt zum Judentum ein Buch erscheint – Hinweis auf eine gesellschaftliche Entwicklung, in der das Judewerden aus freier Wahl wieder ein Thema geworden ist.


Henrix, Hans Hermann: Gottes Ja zu Israel. Ökumenische Studien christlicher Theologie, Berlin (ski 23) 2005 (262 S., 15,- €).

Der Band versammelt ein Dutzend zum Teil erstmals veröffentlichter Beiträge des Autors zum theologisch-phi­losophischen Gespräch zwischen Chris­ten und Juden aus 25 Jahren. Nach Hen­rix ist es gegenwärtig für dieses Gespräch das „Hauptziel (…), nach Bezugspunkten von Nähe und Verstehen auch dort zu fragen, wo Unterschiede und Trennung herrschen“ (3). Es gelte, eine „Konsensarbeit“ zu leisten, die „Dissens, Fremdheit und Andersheit“ konstruktiv bearbeitet und wo nötig, aushält. Die Studien werden präsentiert nach dem Dreischritt fundamentaltheologische Vergewisserung („Dialog als Programm“) – dogmatische Erörterung („Theologie im Dialog“) – religionsphilosophische Diskussion („Dialog im Vollzug“). Den Anfang macht der programmatische Artikel „Ökumene aus Juden und Christen. Ein theologischer Versuch“, von 1978, der zur Frage christlich-jüdischer Verhältnisbestimmung immer noch Grundlegendes zu sagen hat. Die jüngsten Beiträge des Autors – aus 2003/2004 – konzentrieren sich im Hauptteil des Buches auf die drei ersten Artikel des Credo. In der Studie „Zur christlichen Rede von Gott und Jesus Christus“ (103-120) setzt sich Henrix eingehend mit Thesen von Bertold Klappert auseinander, nimmt zugleich Bezug auf die 1. These des Dokuments Dabru Emet und greift dazu vor allem die Argumentation des Neutestamentlers und Rahner-Gesprächspart­ners Wilhelm Thüsing neu auf.- „Der kirchliche Christusglaube und die nicht vergebliche jüdische Messiashoffnung“ (141-157) ist für eine Aachener Tagung zum christlichen Credo im Gespräch mit jüdischer Tradition entstanden. „Gottes Geist – Bejahung des Anderen“ (158-180) ist bei hörbarem Bezug auf das Denken von Levinas ein Gespräch auch mit rabbinisch-jüdischer Tradition und mit Franz Rosenzweig. Dass solche Referenzen bei Henrix nicht punktuell sind, sondern eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit diesen Pionieren jüdischen Denkens im 20. Jahrhunderts widerspiegeln, bestätigt sich in den Studien, die den 3. Teil des Buches bilden: Sie sind zentralen Aspekten in den Werken von Franz Rosenzweig, Hans Jonas und Emmanuel Levinas gewidmet.


Kontexte der Schrift. Band I: Text. Ethik. Judentum und Christentum. Gesellschaft. Ekkehard W. Stegemann zum 60. Geburtstag, hg. von Gabriella Gelardini, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2005 (512 S., 35,- €).

Kontexte der Schrift. Band IIi: Kultur, Politik, Religion, Sprache – Text. Wolfgang Stegemann zum 60. Geburtstag, hg. von Christian Strecker, Stuttgart (Verlag W. Kohlhammer) 2005 (480 S., 35,- €).

Hier wird der Spezialfall des Doppelgeburtstags der Gebrüder Stegemann durch die Herausgabe einer Zwillingsfestschrift zum 60. gewürdigt. Es ist eine originelle Idee, die beiden Neutestamentler durch zwei Bände zu ehren, die „unvermischt und ungetrennt“ deren wissenschaftliches Werk in seinen Gemeinsamkeiten wie in seinem jeweiligen Eigenstand widerspiegeln. Zu den Gemeinsamkeiten gehört über wissenschaftliche Meriten hinaus nicht zuletzt die Mitherausgeberschaft an dieser Zeitschrift, Kirche und Israel, seit den Anfängen, wie überhaupt das langjährige Engagement im christlich-jüdischen Dialog auf verschiedensten Ebenen. Gabriella Gelardini präsentiert in Band I mit den Beiträgen von mehr als dreißig Autoren und Autorinnen einen Überblick über Arbeitsschwerpunkte von Ekkehard W. Stegemann, seit 1985 Ordinarius in Basel, anhand von vier Kontexten, „paradigmatisch für wichtige Innovationen innerhalb der jüngeren fachwissenschaftlichen Bibelexegese“ (9): Im ersten geht es um “Texte in ihrem antiken literarischen Umfeld“, im zweiten um „eine ideologiekritische Ethik der Interpretation“ (ebd.), im dritten um den Dialog zwischen Judentum und Christentum, im vierten um Fragen religiös-ethnischer Identität von Gemeinschaften innerhalb der Gesellschaft, aus der sie jeweils entstehen. Dass die Auseinandersetzung mit dem antijüdischen Erbe in der christlichen Tradition zu E. W. Stegemanns theologischen Schwerpunkten zählt, belegt der hohe Anteil einschlägiger Studien namhafter jüdischer wie christlicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in diesem Buch, deren Aufzählung hier zu weit führen würde. Das Wirkungsspektrum von Wolfgang Stegemann, seit 1984 Professor für Neues Testament in Neuendettelsau, stellt in Band ii Christian Strecker vor. Kulturwissenschaften, gesellschaftliche Fragen, religionswissenschaftliche und bibeltheologische Zugänge, sprach- und literaturwissenschaftliche Ansätze und die Predigtpraxis bilden hier die Kontexte, aus denen heraus und in die hinein die Beiträge der dreißig Autoren und Autorinnen formuliert sind. In diesem Band stehen mehrere Studien für eine nicht vom Antijudaismus geprägte Paulusexegese, um die sich der Jubilar verdient gemacht hat.


Rühle, Inken: Gott spricht die Sprache der Menschen. Franz Rosenzweig als jüdischer Theologe – eine Einführung, Tübingen (Bilam Verlag) 2004 (578 S., 18,- €).

Die aus einer Dissertation (Berlin 2003) hervorgegangene Arbeit der Mitherausgeberin der „Gritli-Briefe“ (Tübingen 2002) nimmt Rosenzweig als „jüdischen Theologen“ in den Blick und sucht entsprechende Ansätze in seinem Werk auf mit der Absicht, „diese in Bezug auf eine Erneuerung christlicher Theologie weiter zu spinnen“ (Vorwort, III).  Um der Einheit von „Leben und Werk“ bei Rosenzweig gerecht zu werden, setzt das Buch mit einer biographischen Skizze ein und folgt dann im Wesentlichen der Chronologie von Rosenzweigs Werk. Dessen intensive Auseinandersetzung mit der Philosophie des Idealismus als Verständnishintergrund für Rosenzweigs „Neues Denken“ kommt dabei kaum vor. Rühle interpretiert den „Stern“ in Anknüpfung an Michael Brocke als eine eigenwillige Form von Midrasch. Den Brockeschen Hinweis auf einen ‚philosophischen Midrasch’ bei Rosenzweig vermittelt sie jedoch nicht mit dem, was sie mit Bezug auf die sprachphilosophische Diskussion zwischen Eugen Rosenstock und Franz Rosenzweig die Methode des „grammatischen Midrasch“ nennt. Die Kommentare zur Entwicklung von Rosenzweigs Offenbarungsverständnis verbinden eine weitgehend textimmanente Interpretation mit biographischen Apercus, die die Deutung zuweilen dominieren – ausgeprägt z.B. in Rühles Ausführungen zum Tod als zentrales Motiv des „Stern“ (238-259). Sowohl in der biographischen Skizze im Eingangsteil des Buches als auch in der Darstellung von Rosenzweigs Offenbarungsverständnis, insbesondere im 2. Teil des „Stern der Erlösung“, gewinnt der Briefwechsel Rosenzweigs mit Margrit Rosenstock mitunter die Bedeutung einer Matrix für die Interpretation seines Werkes, was hier als methodische Fragwürdigkeit angemerkt sei. Ob sich das Buch, wie von der Verfasserin beabsichtigt, zur „Einführung in die Theologie Rosenzweigs“ – was immer das sei – eignet, darf bezweifelt werden. Es liest sich selbst wie ein Midrasch zum Midrasch Rosenzweigs.


Dialog oder Monolog? Zur liturgischen Beziehung zwischen Judentum und Christentum, hg. von Albert Gerhards und Hans Hermann Henrix, Freiburg i. Br. (Herder) 2004  (Quaestiones Disputatae 208) (323 S., 26,- €).

Der Kongressband versammelt Aufsätze, die verfasst worden sind für bzw. im Anschluss an eine Tagung der Arbeitsgemeinschaft kath. Liturgiker und Liturgikerinnen im deutschen Sprachraum (Aachen 2002). Vorgestellt und erörtert werden Ergebnisse und Perspektiven der neueren Forschung  zu liturgischen Beziehungen im christlich-jüdischen Verhältnis. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass trotz der einschlägigen Bemühungen auf diesem Feld in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren von einer breiten Resonanz liturgiewissenschaftlicher Erkenntnisse zur Relevanz jüdischer Liturgie in deutschsprachiger Theologie bislang nicht die Rede sein kann. Einführend benennen H. H. Henrix und S. Lauer aus christlicher bzw. jüdischer Sicht Stand und  praktisch-theologische Bedeutung des christlich-jüdischen Dialogs als Horizont für die Frage nach jüdischer und christlicher Liturgie. A. Gerhards, A. Friedlander und G. Rouwhorst sichten hermeneutische Erkenntnisse im Blick auf die Wechselwirkungen zwischen jüdischer und christlicher Liturgie, die in der aktuellen Forschung zunehmend differenziert reflektiert werden. Dies belegen die rund ein Dutzend Studien zu Gebetsdimensionen und Festtraditionen in jüdischer resp. christlicher Liturgie. Besonders erwähnt seien die Beiträge von B. Groen über Antijudaismus in der heutigen byzantinischen Liturgie sowie die Aufsätze von G. Braulik und D. Kranemann  zu Fragen der Israeltheologie im römischen Messbuch. Das Buch eröffnet ein breites und vielschichtiges Spektrum theologischer Themen, die einmal mehr  die Ausgangsthese der Herausgeber bestätigen: „Die Liturgie ist ein privilegierter Ort der Begegnung von Judentum und Christentum“ (Einleitung, 7).


Kaufhold, Barbara: Juden in Mülheim an der Ruhr, hg. vom Salomon Ludwig Steinheim-Institut für deutsch-jüdische Geschichte, mit einem Beitrag von Gerhard Bennertz,  Essen (Klartext Verlag) 2004 (352 S., 19,90 €).

Das Buch dokumentiert die Geschichte jüdischen Lebens in Mülheim vom Beginn des 16. Jahrhunderts (erster urkundlicher Nachweis) bis 1945. Die Darstellung gibt Einblick in die Vielfalt von Lebensformen jüdischer Bürgerinnen und Bürger, die vor allem seit der Wende zum 20. Jahrhundert bleibende Spuren in der Stadt hinterlassen haben. Orte und Namen – Gebäude und Familien, die sich in die Geschichte Mülheims eingeschrieben haben, werden in kurzen prägnanten Kapiteln lebendig. Für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts schöpft das Buch der jungen Historikerin aus dem Dokumentenfundus von Pfr. i.R. Gerhard Bennertz, dessen über Jahrzehnte entstandene Sammlung besonders durch seine bis heute gepflegte Arbeit mit Zeitzeugen und -zeuginnen von unschätzbarem Wert ist. Den Charakter einer Chronik unterstreichen die zahlreichen, klug ausgewählten Abbildungen des Buches, seine Dienlichkeit als Lehrbuch der Lokalgeschichte die in den Text eingeblendeten Wort- und Sacherklärungen. Der Autorin und dem Salomon Ludwig Steinheim-Institut, das diese Arbeit betreut und ediert hat, ist ein schönes Buch gelungen, das historisch, soziologisch oder christlich-jüdisch interessierte Leserinnen und Leser zugleich überzeugt und erfreut.


Kontinuität und Unterbrechung. Gottesdienst und Gebet in Judentum und Christentum, hg. von Albert Gerhards und Stephan Wahle, Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2005 (285 S., 39,90 €).

Der Sammelband dokumentiert Erträge des Projekts „Christliche Liturgie im Differenzierungsprozeß von Judentum und Christentum“ im Rahmen eines interdisziplinären Sonderforschungsbe-reiches, der von 1999 bis 2003 an der Universität Bonn eingerichtet war.

Ein Hauptaugenmerk der Bonner Liturgiewissenschaftlerinnen und ihrer Kollegen liegt dabei auf der Entwicklung biblischen und eucharistischen Betens in seinen Wechselbeziehungen mit jüdischer Liturgie. Die Beiträge des 1. Teils widmen sich der Analyse zentraler Textzeugnisse jüdischen und christlichen Betens, die Studien des 2. Teils behandeln Aspekte der Rezeption jüdischer Gebets- und Gottesdiensttraditionen in christlicher Liturgie. „Hier erweist sich vor allem jüdisch-christliche Liturgiegeschichte als Konfliktgeschichte (…) Es ergibt sich die Forderung nach differenzierter Betrachtungsweise des Zueinanders von Judentum und Christentum in liturgischen Texten und Feiergestalten“ (Einleitung, 9.11). Eine Forderung – und eine For-schung –, die doch, so dankenswert und weiterführend die hier präsentierten Ergebnisse auch sind, so neu denn doch auch wieder nicht ist (vgl. den Forschungsbericht von A. Gerhards in Dialog oder Mission, 34-49). So hätte es dem anregenden Aufsatz von S. Wahle zur Improperienforschung gut angestanden, auf wichtige frühere Arbeiten nicht nur von Sanders (1972), sondern auch von Démann (1954 ff.), Kolbe (1965) und Brocke (1977) Bezug zu nehmen.

 

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